Darf man das?

Koch meint…

Also damit hatte ich nun wirklich nicht gerechnet, dass der Tod von Osama bin Laden für mich als Pfarrer eine echte Herausforderung darstellen würde. Aber genau das ist nun der Fall. Weil der Radiosender, für den ich arbeite, eine Antwort haben will auf die folgenden beiden Fragen: Darf man einen Menschen, der Tausende von Menschenleben auf dem Gewissen hat, trotzdem einfach so töten? Und darf man diesen Tod dann auch noch ausgelassen feiern?

Meine Antworten auf diese Fragen möchte ich hier zur Diskussion stellen. Zum einen:

Eigentlich spricht die Bibel eine unmissverständliche Sprache. „Du sollst nicht töten“, heißt es im 5. Gebot (2. Mose 20,13). Trotzdem haben beispielsweise auch Christen sich damals im Widerstand engagiert und versucht, Adolf Hitler umzubringen. Warum? Weil sie keine Möglichkeit gesehen haben, den Tod von Hunderttausenden anderer Menschen zu verhindern außer durch den Tod dieses einen Verbrechers. Das heißt nicht, dass es Situationen geben kann, wo das 5. Gebot nicht gilt. Gelten tut es immer. Aber es entbindet uns nicht von der Pflicht, uns unter bestimmten Umständen zu überlegen, ob da nicht doch ein anderes Handeln von uns gefordert ist. Wobei Rache nie ein Motiv für die Übertretung dieses Gebots sein darf. Und dann können wir nur hoffen, dass Gott unsere Gewissensnot sieht und uns gegebenenfalls vergibt.

Zum andern:

Eines halte ich grundsätzlich für ausgeschlossen: den Tod eines Menschen, und sei er auch ein noch so großer Verbrecher, zu feiern. Denn spätestens mit dem Tod ist jeder Mensch und also auch jemand wie Osama bin Laden einfach nur – Mensch. Um den ich nicht zu trauern brauche. Aber Triumph ist eben auch nicht angesagt.

Das werde ich so nun im Radio in den mir zur Verfügung stehenden anderthalb Minuten sagen und möchte hier noch das Folgende ergänzen: Ja, wie die Menschen vor dem Weißen Haus in Washington und überall im Land mit dem Tod von Osama bin Laden umgegangen sind, hat befremdlich gewirkt. Und doch und weil ich selber längere Zeit in den Vereinigten Staaten gelebt habe: Hätte nicht vielleicht auch ich „USA! USA!“ skandiert und eine amerikanische Fahne geschwenkt, wenn ich am World Trade Center in New York jemand, der mir wichtig war, verloren hätte oder auch nur und viel mehr als hier in den kollektiven Schock des 11. September hineingenommen gewesen wäre? Ich will und kann es nicht ausschließen und muss deshalb das im Radio zu Sagende zumindest relativieren.

Was aber nicht heißt, dass ich für unsere Bundeskanzlerin unbedingt Verständnis habe. Jedenfalls bewegt sich Angela Merkel mit ihrem Satz „Ich freue mich, dass es gelungen ist, bin Laden zu töten“ auf einem schmalen Grat. Weil man sich erstens, wie gesagt, über den Tod eines Menschen nicht freut. Und weil zweitens das Ganze ein bisschen, ja, eben nach Rache klingt. Den USA wird’s recht sein. Mir aber hätte auch ein Satz wie dieser genügt: „Gut, dass Osama bin Laden keine weiteren Verbrechen mehr begehen kann!“

Das meint Koch. Und was meinen Sie?


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