Eine Prise Himmel

Koch meint…

Also dieser vergangene Sonntag ist ein Geschenk des Himmels gewesen, und ich habe mir erlaubt, es dankend anzunehmen. Weil schöner kann es draußen nicht sein: Frühling pur.

Dabei bin ich nur auf der Schwäbischen Alb gewesen – auf dem Rossfeld oberhalb von Metzingen, einem meiner Lieblingsorte. Eine gute Stunde braucht es zu Fuß vom Bahnhof Neuhausen und schätzungsweise 400 Höhenmeter obendrauf. In den Gärten blühen Tulpen, Narzissen und was sonst zu dieser Jahreszeit so dazu gehört. Auf den Wiesen aber leuchten gelb die Schlüsselblumen und das Weiß der Kirschbäume, während im Wald bislang nur das Unterholz schon grünt.

Je höher es hinaufgeht, desto mehr kommt man ins Schwitzen: Der Winter hat einem die Form genommen. Dafür wird man durch eine tolle Aussicht belohnt. Ob Olga- oder Rossfels: Der Blick schweift weit ins Land – vom Schwarzwald links bis rechts zu den Stauferbergen. Dazwischen das Erms- und das Neckartal sowie, neben Dutzenden anderer Dörfer und Städte, Stuttgart mit seinem Fernsehturm, hinter dem das Unterland ins Unscharfe zerfließt. Am Himmel aber ziehen Segelflugzeuge ihre Runden. Sie sind vom Rossfeld aus gestartet. Um das ganz herumzugehen sich übrigens lohnt. Weil man da Winkel und Ecken findet, zu denen nur einige wenige ebenfalls kommen. Die Sonne hat den Boden getrocknet, sodass man sich bereits Anfang April zum Vespern ins Gras setzen kann. Die Vögel zwitschern. Drüben zwischen den Bäumen stehen ein paar Rehe. Statt eines Tischgebets spreche ich leise nur diese Worte: „Danke, Gott, für diesen Tag!“

Nach der Prise Himmel kommt am Ende, wenn auch wohl nur für mich, ein bisschen Vorhof zur Hölle. Womit ich nicht die Höllenlöcher meine, nach denen eine Frau mich fragt, die oberhalb von Dettingen liegen und die ich dieses Mal ausgelassen habe. Nein, es ist der verkaufsoffene Sonntag da, wo ich wohne, und dem ich auf dem Weg nach Hause einfach nicht entgehen kann. In der Bahnhofstraße treten sich die Menschen auf die Füße. Ein Karussell dudelt. Kinder quengeln. Die Papierkörbe quellen über. Vor den Eisdielen stehen Schlangen. Nichts wie durch, denke ich, und dass ich froh bin, heute schon anderes erlebt zu haben! Am Marktplatz dann die Autoschau. Daneben die Musterexponate der Gartenbaubetriebe. Und am Rossfels blühen von ganz allein die Küchenschellen.

Kolleginnen von mir haben am Sonntag anderswo ähnliche Erfahrungen gemacht. „Das unerklärliche Ballungsverhalten der Schwaben“ hat es die eine genannt und sich an ihre heimischen Sachsen erinnert gefühlt. Mir selbst ist der Alte Fritz eingefallen: „Jeder soll nach seiner Façon selig werden.“ Wenn aber Seligkeit tatsächlich etwas mit Hölle und Himmel zu tun hat, wünsche ich mir nur eins: dass es – vorausgesetzt, dass ich überhaupt dahin komme – im Himmel keine verkaufsoffenen Sonntage, dafür aber viele sonnenbeschienene Frühlingstage im Freien geben möge. Jedenfalls bleibe ich dabei: Der vergangene Sonntag auf dem Rossfeld ist ein Geschenk des Himmels und ein kleiner Vorgeschmack auf die Ewigkeit gewesen.

Das meint Koch. Und was meinen Sie?


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