„Geld ermöglicht – weckt aber auch falsche Begehrlichkeiten!“

Wie viele Projekte wurden bisher unterstützt?

Schlegel: Derzeit existieren 56 Erprobungsräume; davon 44 große und 12 kleine, die nur eine Einmalförderung erhalten. Der Umfang der finanziellen Förderung differiert sehr stark: Von zwei Stellenanteilen bis hin zu null Euro. Einige Erprobungsräume sagen uns: „Wir brauchen kein Geld. Uns ist es wichtiger, dazuzugehören.“

Je länger wir unterwegs sind, umso mehr empfinden wir die Ambivalenz des Geldes. Es lockt und ermöglicht – zweifellos. Aber es weckt auch falsche Begehrlichkeiten und stellt ruhig. Da kann es sogar Innovation verhindern. Es bleibt eine sensible Sache.

Wie wird neben Finanzen unterstützt?

Schlegel: Auch so eine Lernerfahrung: Begleitung, Vernetzung, Inspiration sind wichtiger als die finanzielle Förderung. Das haben wir unterschätzt. Die meisten Personalressourcen gehen dafür drauf. Wichtig sind Vertrauen und Nähe. Raum schaffen. Kontrolle dagegen verhindert. Innovation entsteht nicht durch direkte Förderung, sondern durch indirekte: zum Beispiel, indem man stimulierende Settings arrangiert. Unsere jährliche Werkstatt beispielsweise, Erkundungsfahrten oder Lerngemeinschaften.  
Wie sind die Erfahrungen?

Schlegel: Einiges ist ja schon angeklungen. Darüber hinaus fällt auf: Die Existenz von Erprobungsräumen irritiert das System. Manche grenzen sich ab, andere sind inspiriert. Diese Wechselwirkungen sind der zentrale Veränderungsstimulus. Denn sonst wären Erprobungsräume bloß innovative Inseln in einer ansonsten unverändert bleibenden Landeskirche. Diese Reibungen muss man wollen, weil sie ans Eingemachte gehen.

Wie kommen die die Projekte ins Laufen?

Schlegel: Neues zu beginnen und das Alte fortzuführen geht nicht. Das überfordert alle. Wir brauchen mutige Leitungsentscheidungen, was zu lassen ist. Und diese sollten weniger organisatorischen Erwägungen entspringen, sondern geistlich begründet sein.

Zudem: Was in Erprobungsräumen geschieht, ist gar nicht so anders und neu: Es geht um Gemeinschaft, Zuwendung, Verkündigung und Gebet. Aber die Dinge geschehen nicht, weil es in Dienstbeschreibung und Kalender steht. Kirchliche Aktivitäten wirken manchmal so, als müsste „der Betrieb aufrechterhalten“ werden. Dagegen strahlen Erprobungsräume durch Präsenz statt Programm aus, sie spiegeln Beziehung statt Angebot, Verlässlichkeit statt Aktionismus, Geschichten statt Gedanken und Unsicherheit statt Planung. Die Haltungen sind das Entscheidende, ob nun in bewährten oder neuen Formen.

Wer wird in den Erprobungsräumen erreicht?

Schlegel: In den Erprobungsräumen soll Evangelium über die Mitgliedschaftsgrenzen hinaus kommuniziert werden. Das ist ein wichtiges Ziel, aber auch ein hochgestecktes. In einem indifferenten Umfeld gilt es erst einmal Relevanz zu gewinnen. Wir sind oft so weit weg, was Sprache, kulturelle Vorlieben, Wertvorstellungen angeht. Sich einlassen, lieben und lernen sind hier wichtige Bausteine. Richtig spannend wird es da, wo man mit Unerreichten betet. Der gemeinsame Gottesdienst steht am Ende des Weges, nicht am Anfang. Und geübte Christen würden ihn gar nicht als solchen erkennen.

Wo kann man mehr erfahren?

Schlegel: Demnächst wird es eine Publikation über und von den Erprobungsräumen geben. Darin ist auch ein Bericht von den beiden Instituten zu finden, die den Prozess evaluieren. Dieser Blick von außen, vom Sozialwissenschaftlichen Institut der EKD in Hannover und dem Greifswalder Uni-„Institut zur Erforschung von Evangelisation und Gemeindeentwicklung“  ist uns sehr wichtig.

Wie sieht die Zukunft des Projektes aus?

Schlegel: Ab 2021 gelten eine neue Ordnung und eine neue Förderrichtlinie. Darin sind die Erfahrungen der letzten Jahre eingeflossen. So wollen wir mehr Energie in die Rahmenbedingungen stecken, zum Beispiel Qualifizierungsmöglichkeiten und Ideenwerkstätten. Für die Initiativen wird es weniger Geld – dafür aber länger geben. Und die Dinge, die am Rand der Gemeinde wachsen, sollen stärker in das Programm integriert werden.


Kirchenrat Dr. Thomas Schlegel, geboren 1973 in Weimar, studierte Theologie und Philologie in Jena und Pietermaritzburg (Südafrika) Nach dem Vikariat in München und einer Pfarrtätigkeit im Thüringer Wald arbeitete er am IEEG der Universität Greifswald und war Referent am Zentrum für Mission in der Region der EKD. Derzeit leitet er das Referat Gemeinde im EKM-Kirchenamt in Erfurt und ist hier u.a. zuständig für den Prozess Erprobungsräume.

(Das Interview führte Uwe Birnstein)

Quelle: Evangelische Kirche in Deutschland: Nachrichten ( https://www.ekd.de/rss/editorials.xml?)
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