Menschen suchen Beteiligung

19 Jahre lang hat Annette Kick als Weltanschuungsbeauftragte der Landeskirche die unterschiedlichsten Gruppierungen und Gemeinden kennengelernt. Sie informiert und berät Familien, Aussteiger, Gemeinden und Behörden zu neuen religiösen Bewegungen, spirituellen Lebenshilfeangeboten und vielem mehr.  Anfang Dezember geht sie in den Ruhestand. Elk-wue.de hat mit ihr darüber gesprochen, wie sie die aktuellen weltanschaulichen Entwicklungen in der Gesellschaft beurteilt.  

Nach 19 Jahren als Weltanschauungsbeauftragte der Landeskirche treten Sie Anfang Dezember in den Ruhestand. Warum haben Sie diese Arbeit in all den Jahren gerne gemacht?

Weil ich seelsorgerlich und theologisch auf ganz intensive Weise herausgefordert werde durch die ganz existenziellen Fragen und Probleme, die an mich herangetragen werden. Ich wurde am Anfang von einem Kollegen gefragt, ob es meine Motivation sei, skurrile Gruppen zu studieren. Das fand ich völlig abwegig. Klar gehört es zu meinen Aufgaben, Wissen über Weltanschauungen zu sammeln und mich da auszukennen. Aber das ist nur die Grundlage für unsere Beratungen, die wir machen.

Man hat den Eindruck: Es gibt eine Vielzahl unterschiedlicher Weltanschauungen und es werden immer mehr. Stimmt dieser Eindruck?

Dieser Eindruck stimmt durchaus. Das fällt besonders auf, weil wir es in Deutschland bis vor Kurzem nicht kannten, dass es neben den großen Kirchen so vielerlei religiöse und weltanschauliche Angebote gibt. Lange Zeit war man es gewohnt, alles, was es neben den großen Kirchen und klassischen Freikirchen gibt, tendenziell als „Sekte“ abzutun, und viele Gemeinschaften haben sich das notgedrungen gefallen lassen. Aber seit die Bindekraft und gesellschaftliche Bedeutung der großen Kirchen schwächer wird, werden die „alten“ Gruppen selbstbewusster und dazu entstehen viele neue Gruppen und Bewegungen. Der religiöse Markt hat sich pluralisiert und ausdifferenziert. Der Sektenbegriff wird den meisten Gruppen und Bewegungen überhaupt nicht gerecht. Die Grenzen zwischen „normaler“ und extremer Religiosität verschwimmen.

Welche Gruppen sind denn bei uns besonders stark?

Von der Beratung her zeigen sich zwei Schwerpunkte: einmal die neue „protestantische Vielfalt“ neben den Kirchen. Unter den unzähligen neuen Gemeindegründungen, die in den letzten 30 Jahren entstanden und in Württemberg besonders zahlreich vertreten sind, gibt es einige, die für viel Beratungsbedarf sorgen; besonders unter denen, die ein neucharismatisches oder bibelfundamentalistisches Profil haben.

Die zweite starke Strömung, die viel Beratungsbedarf produziert, ist der vielfältige Markt von esoterischer Lebenshilfe über spirituelles Coaching bis zu esoterischen und östlich angehauchten Gurus usw. Für jede Lebensfrage und jedes Alltagsproblem findet man hier eine gültige spirituelle Antwort oder eine Methode, um mithilfe kosmischer Energie alle Probleme zu lösen. So bunt und frei diese Szene aussehen mag – es drohen hier gefährliche Abhängigkeiten von Gurus mit Allwissenheitsanspruch und oft ein unglaublicher Realitätsverlust.

Was macht diese Gruppen attraktiv?

Die neuen Gemeinden sind von der Form her modern, besonders auch, was die Musik betrifft; sie sind attraktiv in ihrem Angebot gerade für Familien und junge Menschen. Sie bieten für dieses Milieu attraktive Beteiligungs- und Gemeinschaftsformen. Zugleich geben sie klare weltanschauliche Orientierung.

Die esoterischen Angebote greifen Alltagsfragen sehr gut auf, z. B. Erziehungsfragen, Gesundheitsfragen, Partnersuche, berufliche Probleme etc.  Sie setzen an bei der Unzufriedenheit mit den „normalen“ rationalen Lösungsvorschlägen der Medizin, der Wissenschaften, der überkommenen Religionen. Darin sind sie sehr gut, die Defizite der gängigen Hilfs- und Erklärungsversuche aufzudecken. Daran anknüpfend bieten sie „ganzheitliche“, absolute Lösungen aus „höherem“ und geheimem Wissen an. Menschen scheinen so fasziniert davon zu sein, dass ihre Sehnsucht nach der „ganz anderen“ Antwort aufgenommen wird, dass sie nicht mehr wahrzunehmen scheinen, wie absurd die Antworten und Lösungen oft sind.

Das ist oft nicht so harmlos, wie es scheint. Angehörige verzweifeln, wenn in der esoterischen Weltsicht kein Platz mehr ist für vernünftige Argumente und die Erfordernisse des realen Lebens. Dass viele Esoteriker sich über die „normalen“ vernünftigen Erklärungen und Maßnahmen erhaben fühlen und es ganz anders und besser wissen, zeigt sich in der Corona-Krise. Mit schon lange in der Esoterik verbreiteten Verschwörungstheorien z. B. über „Zwangsimpfung“ sind sie anschlussfähig an sehr problematische Gegner der Corona-Maßnahmen und beteiligen sich an entsprechenden Demos. 

Wie kann es der Kirche gelingen, im vielstimmigen Chor der Religionen und Weltanschauungen weiterhin klar und deutlich gehört zu werden? Wie können wir unsere spezifisch evangelisch-christlich-kirchliche Identität plausibel kommunizieren, ohne in eine Wir-gegen-die-Konstellation zu geraten?

Das ist eine sehr weit reichende Frage, die wir alle miteinander beantworten müssen. Mein Ansatz von meiner Arbeit her ist ein doppelter: Einerseits bin ich evangelische landeskirchliche Christin und habe keinen Grund, daran zu zweifeln, dass wir sozusagen die richtige und beste Botschaft haben. Andererseits lerne ich gerne von all den anderen Angeboten und davon, wie sie ihre Botschaft gut und zeitgemäß rüberbringen. Um nur zwei Punkte zu nennen: Von den vielen spirituellen Lebenshilfeangeboten kann man lernen, dass Menschen nach individueller Beratung und Begleitung fragen.

Die theologisch richtige Idee, dass im Gottesdienst und bei anderen Veranstaltungen sich Menschen jeden Alters und jeden Milieus angesprochen fühlen sollen, funktioniert heute kaum mehr. Menschen haben eine tiefe Sehnsucht danach, dass sie jemand genau in ihrer Lebenslage sieht und begleitet. Da man denkt, „die Kirche“ hat für Einzelne keine Zeit, bezahlt man lieber die Engelsdolmetscherin. Individuelle geistliche Lebensbegleitung und das Aufnehmen von Alltagsfragen sind da für mich die entscheidenden Stichworte. Ein weiteres Stichwort ist Beteiligung: nicht etwas anbieten für eine Zielgruppe, weil ich meine, sie brauchen das; sondern Menschen einen Raum zur Verfügung stellen und sie selbst gestalten lassen, was sie brauchen. Es ist bewundernswert, wie die neuen Gemeinden junge Erwachsene, Familienväter und -mütter motivieren und aktivieren können. 

Wie schätzen Sie die aktuell starke Verbreitung von Verschwörungsmythen aller Art ein?

In der Weltanschauungsarbeit haben wir es immer auch mit Verschwörungsmythen zu tun. Wer die Welt in Gut und Böse aufteilt, kann sich vieles nur durch Verschwörungserzählungen erklären. In den letzten Jahren gab es aber eine deutliche Zunahme, und in der Coronakrise explodieren sie zahlenmäßig geradezu und treten deutlich in die Öffentlichkeit. Corona heizt die Verschwörungsmythen an: Verschwörungsmythen gehen von einer kleinen bösen Elite aus, die weltweit machtvoll agiert. Selten gab es ein Ereignis, das sich so global verbreitet hat wie die Pandemie.

Die nüchternen Fakten über die Verbreitung und Gefährlichkeit des Virus sind für den Einzelnen, sofern er und sein Umfeld nicht direkt betroffen sind, nicht unbedingt plausibel. Bei Menschen, die sowieso skeptisch sind gegenüber dem, was allgemein angenommen wird, kann so leicht der Eindruck aufkommen: hier muss es um etwas ganz anderes gehen als um Gesundheitsvorsorge. Dazu kommt, dass die Politik in der Pandemie sehr einmütig gehandelt hat. Auch aus den Medien kam kaum Kritik. Das ist ja doch sehr selten und unterstützt das Gefühl: Die stecken alle unter einer Decke und haben etwas geheimnisvolles Böses mit uns vor.  

Wie beurteilen Sie die QAnon-Bewegung? Ist sie besonders gefährlich?

Prinzipiell sind sie alle Verschwörungsmythen gefährlich, weil sie an absolut böse Mächte glauben. Im Kampf gegen diese Mächte – immer wieder war und ist es das „Weltjudentum“ – ist dann jedes Mittel erlaubt. Verschwörungsmythen sind außerdem völlig immun gegen die Gegenbeweise der Realität, weil alles in die Verschwörungstheorie eingebaut wird. Der Verschwörungsmythos der QAnon Bewegung ist noch einmal absurder als alle, die ich bisher kannte. Kern ist die Behauptung, Eliten hielten sich Kinder in unterirdischen Kellern, missbrauchten sie und tränken ihr Blut.

Der Mythos ist besonders gefährlich, weil er Mitleid mit den gequälten Kindern vorgibt, sich dabei mit rechtsextremem Gedankengut und teilweise auch Gewaltbereitschaft verbindet. Der Mörder von Hanau z. B. war ein Anhänger dieser Erzählung. Der Glaube, dass der Pergamonaltar in Berlin der Thron Satans sei und unter ihm das Tor zu einer unterirdischen Welt, in der Kinder gequält werden, war vielleicht der Hintergrund der Anschläge auf die Kunstwerke am 3. Oktober.

Welche Wechselwirkung sehen Sie mit den sozialen Medien? 

Man kann seine Theorien hier natürlich sehr schnell verbreiten. Man sieht und liest Dinge sehr oft und wird somit in seinem Weltbild bestätigt. Es gibt keinen Impuls mehr, das an der Realität abzugleichen. 

Wie geht man als Gemeindeglied, als Kirchengemeinderat oder Pfarrperson am besten damit um, wenn Menschen, (vielleicht gar engagierte Gemeindeglieder) im kirchlichen Rahmen Verschwörungslegenden verbreiten?

Seit September ist Herr Probst als Referent für die Themen Extremismus und Populismus unserer Arbeitsstelle zugeordnet. Er soll Kirchengemeinden unterstützen bei diesen Fragen und erarbeitet mit uns zusammen auch Konzepte und Ideen. Generell lässt sich sagen: Es hilft meist nicht, auf der rationalen Ebene zu argumentieren, auch nicht mit biblischen oder theologischen Argumenten. Denn das Gedankensystem ist wasserdicht.

Ich denke, es ist besser, es auf der menschlichen oder emotionalen Ebene zu versuchen. In der Ich-Form reden, von eigenen Erfahrungen mit Misstrauen und gewonnenem Vertrauen erzählen; das eigene Gottvertrauen und die guten Erfahrungen mit der Welt neben das abgrundtiefe Misstrauen in alles und jeden stellen. Aber wenn man gar nicht mehr durchdringt und derjenige missionarisch seine Sicht verbreitet, muss man andere vor ihm schützen.   

Sie haben sich mit ihrer Arbeit nicht nur Freunde gemacht und auch – teils heftige – Anfeindungen erlebt. Haben Sie jemals daran gedacht, hinzuschmeißen? 

Die Anfeindungen ließen sich aushalten einmal durch den Gedanken an die „Opfer“, in deren Namen ich ja Kritisches über eine Gruppe sage; und zum anderen, wenn Kolleginnen und Kollegen solidarisch den Konflikt mit mir ausgestanden haben und die Kirchenleitung mir Rückendeckung gab. Am ehesten überlegt hinzuschmeißen habe ich, wenn ausgerechnet Leute aus der eigenen Kirche die Partei der „Gegenseite“ ergriffen haben. Aber die allermeiste Zeit habe ich die Arbeit sehr gerne gemacht, weil ich sie sehr sinnvoll fand und finde.

Was haben Sie in ihrem Ruhestand vor?

Langweilig wird mir sicher nicht werden. Ich habe Lust auf verschiedene Ehrenämter. Aber ich muss noch aus dem vielen, was ich gerne machen würde, auswählen. Auch das Thema Weltanschauungen wird mich sicher weiter begleiten. Es gibt noch ein paar unerledigte Projekte; zudem werde ich vermutlich nicht aufhören können, meine Beobachtungen zu machen.

Wir danken Ihnen für das Gespräch und wünschen für den Ruhestand alles Gute!

Quelle: Evangelische Landeskirche Württemberg ( https://www.elk-wue.de/index.php?type=13)
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