Der Reiz der „Online-Church“

Funktioniert das Abendmahl nur, wenn Menschen es „analog“ austeilen oder erhalten?

Van Oorschot: Theologisch kann man auch andere Perspektiven entdecken. Auch im leiblichen Abendmahl geht es ja nicht nur um eine Vergegenwärtigung, sondern um die verheißene, also noch ausstehende vollendete leibliche Gemeinschaft mit dem Einladenden – mit Jesus oder Gott. So gesehen, gibt es auch im analogen Abendmahl ein Defizit. Ob dies beim Abendmahl in digitaler Gemeinschaft wesentlicher ist, muss diskutiert werden.

Wissenschaftliche Theologie scheint hier ganz neue Fragen zu entdecken.

Van Oorschot: Ja. Angesichts der Digitalisierung entdecken wir neue Perspektiven. Zum Beispiel geht es nicht mehr in erster Linie um die Frage, ob oder wie der Herr im Abendmahl gegenwärtig ist. Sondern vielmehr darum, auf welche Weise wir Menschen im Abendmahl gegenwärtig sind. Christen glauben: Der Geist Gottes stiftet die Gemeinschaft der Kinder Gottes über Zeit und Raum hinaus und stellt sie in die Gemeinschaft des Leibes Christi. Das gilt auch beim Abendmahl. Aber die Gemeinschaft im Geist wird ja durch die digitale mediale Vermittlung nicht in Frage gestellt!

Schade, dass es in biblischen Zeiten noch kein Internet gab, sonst fänden wir in der Bibel Antworten.

Van Oorschot: Es gab kein Internet – wohl aber Medien, die über Entfernungen wirkten. Zum Beispiel Briefe. Insofern ist die mediale Vermittlung der geistlichen Gemeinschaft auch dem Neuen Testament nicht unbekannt. Der Leib Christi, die Gemeinde, „koinonia“ wurde auch damals über Distanzen hinweg gedacht und gepflegt. Im Medium des Briefes wurde Segen zugesprochen, es wurden Gebete ausgetauscht – und über die Entfernungen hinweg wurde wirkliche Gemeinde gelebt. Vielleicht ist die Aufgeregtheit der heutigen Debatte nur dem noch ungewohnten digitalen Medium geschuldet. Eine ähnliche Debatte gab es übrigens schon bei der Einführung von Fernseh- und Rundfunkgottesdiensten. 

Radio und Fernsehen waren auch mal neue Medien, die Besorgnisse auch unter Theologinnen und Theologen auslösten. Es gab ja sogar eine Diskussion darum, ob der über den Bildschirm zugesprochene Segen denn wirksam sei. Interessant, dass heute wieder ähnlich diskutiert wird. Denn die heute neuen digitalen Medien sind ja nicht so anonym wie die Einbahnstraßenkommunikation des Fernsehens.

Van Oorschot: Ist eine digitale Gemeinschaft wirklich anonymer als das sonntägliche Nebeneinander in einigen Gottesdiensten? Durch die Verbindung von Anonymität und Verbindlichkeit im Digitalen werden ganz neue Formen der Gemeinschaft möglich. 

Zumal auch im analogen Gottesdient viele Menschen stumm nebeneinandersitzen und nicht miteinander reden. Bei Zoom-Gottesdiensten kann man sich ins Gesicht, in die Augen schauen. Andererseits: Hier sind alle die ausgeschlossen, die keinen Zugang zu Online-Medien haben.

Van Oorschot: Zu bedenken ist auch, ob die analogen Gottesdienste in Kirchenräumen zu massiven Ausschließungen von denen führen, die von ihrem Auftreten her nicht konform genug sind. Schließen die sozialen Medien mehr Menschen aus als manche Angebote in Kirchengemeinden?

In vielen Kirchengemeinden beschränkt sich die „Digitalisierung“ auf das Streamen, also das online übertragene Abbilden von Gottesdiensten.

Van Oorschot: Diese Beobachtung teilen viele. Die Formen der Interaktion, die digitale Räume kennzeichnen, werden kaum genutzt. Es gibt also bei uns noch keine „Online Church“, sondern nur eine „Broadcast Church“, eine Kirche, deren Angebote einfach nur übertragen werden. Und der Pfarrer, die Pfarrerin steht noch immer im Vordergrund.

Interview: Uwe Birnstein


Von Dr. Frederike van Oorschot stammt der Beitrag „Präsent sein. Ekklesiologische Perspektiven auf das kirchliche Leben unter den Bedingungen des Infektionsschutzes und seiner Folgen“, abgedruckt im neuen Buch „Corona als Riss. Perspektiven für Kirche, Politik und Ökonomie“ (Heidelberg 2020).

Im Akademiegespräch mit Dr. Frank Vogelsang, Direktor der Evangelischen Akademie im Rheinland, hat Dr. Fredrike van Oorschot am 30. Mai 2020 über den Perspektivwechsel: Kirche und Theologie im Digitalen Wandel gesprochen.

Die Heidelberger Forschungsstätte der Evangelischen Studiengemeinschaft e.V. (FEST) wurde 1958 als interdisziplinäres Forschungsinstitut gegründet; sie wird grundfinanziert durch die Evangelische Kirche in Deutschland, die evangelischen Landeskirchen, den Deutschen Evangelischen Kirchentag und die Evangelischen Akademien. Zum satzungsgemäßen Auftrag gehört die Aufgabe, wissenschaftliche Arbeiten anzuregen und zu fördern, die dazu bestimmt sind, die Grundlagen der Wissenschaft in der Begegnung mit dem Evangelium zu klären, und die Kirche bei ihrer Auseinandersetzung mit den Fragen der Zeit zu unterstützen.

Quelle: Evangelische Kirche in Deutschland: Nachrichten ( https://www.ekd.de/rss/editorials.xml?)
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