„Bloß nicht schämen, wenn was scheitert!“

Das klingt nach einem langen Weg.

Rumpff: Ja, aber um den langen steinigen Weg mit vielen Schlaglöchern und Enttäuschungen kommt man nicht rum. Wichtig ist, die Erfahrungen zu reflektieren, immer wieder Zwischenstände einzuholen, auch mit Externen, also Beobachter von außen analysieren zu lassen: Was wurde getan? Was wurde damit verändert oder gar erreicht? Die Rückmeldungen müssen ernst genommen werden. Und es ist ständige Kreativität nötig: Wie können wir die Arbeitsprozesse anpassen, was können wir noch probieren? Das ist nicht leicht, aber in der EKBO wird das gemacht. Das hat mich beeindruckt und ist der Grund dafür, weswegen ich daran mit Leidenschaft mitarbeite. Obwohl mir die Kirche manchmal wie ein behäbiger Tanker vorkommt und viele Strukturen noch fest sind, gibt es den unbedingten Willen, sich zu ändern und Kirche so attraktiv zu machen, dass sie zukunftsfähig wird.

Und wenn wieder neue Kirchenaustrittszahlen zu berichten sind: frustriert das nicht die Beteiligten?

Rumpff: Unsinn. Was bilden die denn ab? Sie sagen nichts darüber aus, mit welchen Menschen wir wirklich arbeiten, die engagiert sind. Das ist Zahlenwerk. Da geht’s um Geld. Geld ist aber nicht das einzige oder wichtigste an Unterstützung. Ich ärgere mich darüber, dass Kirchenreform mitunter an Zahlen festgemacht wird, statt genau hinzusehen: Wo sind wir aktiv? In jeder Gemeinde gibt es Initiativen und eine christliche Werte-Gemeinschaft. Das lässt sich doch nicht in Zahlen abbilden! Wir sollten aufhören, im Rahmen des Kirchensteuermodells zu denken. Und können auch fragen: Wie würde Kirche denn ohne Kirchensteuer leben? Auch da könnten wir einiges ausprobieren.

Was würden Sie persönlich denn gerne umsetzen?

Rumpff: Ein Lieblingsprojekt wäre ein Stellentausch für einen Tag. Mitarbeitende aus den Kirchenämtern arbeiten für einen Tag in einer Kirchengemeinde – und umgekehrt. Das würde den Blickwinkel verändern und sicherlich zu besseren Diskussionen führen. Wir müssen aus unseren selbstgemachten Blasen rauskommen und über den Tellerrand gucken. Wir tun das gerade schon in dem Projekt „Dritte Orte“: Hier unterstützt die Landeskirche Projekte, die nicht in Kirchengemeinden oder kirchlichen Einrichtungen stattfinden, sondern ganz woanders. Link: 

Und was, wenn mal ein Projekt scheitert?

Rumpff: Dann ist das schade – bedeutet aber letztlich eine weitere Lernmöglichkeit. Bloß nicht schämen! Auch aus gescheiterten Projekten kann man lernen und trotzdem „Gewinn“ ziehen – wenn die Beteiligten sich über die Gründe klar werden. Das machen wir zu wenig.

Meine berufliche Erfahrung ist: Ich kann Leute nicht auf den richtigen Weg tragen, kann immer nur die Folgen des Handelns beschreiben: „Wenn Sie das machen, dann passiert das und das.“ Und ich kann ihnen Möglichkeiten eröffnen, es anders zu machen. Die Entscheidungen müssen sie aber immer selbst treffen. Scheitert ein Projekt, ist das in Ordnung, dann kommt es darauf an, die Scherben gemeinsam aufzusammeln und Trauerprozesse in Gang zu setzen. Wir versuchen das derzeit mit dem Projekt „Fuck Up-Stories“, das Scheitern aus der Tabu-Zone zu holen: eine experimentelle Form von Seelsorge, Beichte und Gemeindeentwicklung. 

Greifen die Reformprozesse schnell genug?

Rumpff:  Gerne würde ich mich vom Wort „Reformprozess“ verabschieden. Alles ist doch ständig in Veränderung! Diese Veränderungsprozesse müssen schneller gehen, damit wir auf der krassen Sparwelle, die auf uns zukommt, surfen können und nicht in ihr untergehen. Wir sollten uns bemühen, die anstehenden Einsparungen nicht nach dem Rasenmäherprinzip vorzunehmen. Da hoffe ich, dass die im Kirchenamt Entscheidenden auf die Expertise ihrer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter hören. Wir können auch Einsparungen befristet vornehmen und sehen: Was passiert, wenn wir Arbeitsfelder nicht mehr bezahlen können?

Ich vertraue darauf, dass dann Neues entsteht.

Die kommende Synode der EKD beschäftigt sich mit dem Thema „Kirche der Zukunft“. Welchen Wunsch haben Sie an das Gremium?

Rumpff: Grundsätzlich sollten kirchliche Gremien sehr zurückhaltend mit Papieren, Handlungsideen und Leitsätzen sein. Wichtig wäre, den Austausch und die Vernetzung der Landeskirchen untereinander zu ermöglichen. Und Raum zu geben, in dem Gutes entstehen wird, da bin ich mir sicher. Und, ganz wichtig: Die Gemeinden müssen ernst genommen werden. Sie können sehr gut eigene Lösungen finden und umsetzen. Dazu brauchen sie Vertrauen und Unterstützung.

Quelle: Evangelische Kirche in Deutschland: Nachrichten ( https://www.ekd.de/rss/editorials.xml?)
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