„Religiöser Übermut ist unangebracht!“

Lassen Sie uns bei den Sonntäglichkeiten bleiben: Die Kirchen haben Ende März, als die deutsche Bundesregierung den allgemeinen Lockdown beschloss, ihre Präsenzgottesdienste abgesagt. Damit haben sie den Gläubigen ihre gewohnte Sonntäglichkeiten genommen. War das zu überstürzt?

Stoellger: Manchen ging das zu weit, manchen erschien das wie eine Überanpassung, als Unterwerfung unter politische, weltliche hygienische Gebote, denen gegenüber Kirchen doch nicht letzten Gehorsam schulden. 

Hatten Sie recht?

Stoellger: Nein. Die Schließung der Kirchen war ja nicht einfache Anpassung, sondern schwer errungene, sehr diskrete Solidarität. Das wurde in der Öffentlichkeit leider nicht so wahrgenommen. Warum aber sollte der Gottesdienst „trotz allem“ zur unnötigen Lebensgefährdungsveranstaltung gemacht werden?

Es gibt Stimmen, die sagen: In einer lebensgefährdenden Pandemie könnten gerade Gemeindegottesdienste die Hoffnung auf unbeschadetes Leben stärken.

Stoellger: Ich frage zurück: Warum sollte man Gottesdienste feiern, bei denen Leib und Leben in Gefahr geraten? Wer braucht solche eine Demonstration religiösen Übermutes? Sein Leben für andere zu geben und notfalls auch zu lassen, ist das eine. Aber um des eigenen religiösen Begehrens willen das Leben anderer zu gefährden, ist theologisch gesehen weder nötig noch sinnvoll. Denn wer könnte angesichts des Gekreuzigten verantworten, die Nächsten durch die religiöse Feier in Lebensgefahr zu bringen?

Viele Kirchengemeinde sind ins Digitale ausgewichen, haben Gottesdienste gestreamt. Eine gute Alternative, oder?

Stoellger: Naja. Je mehr Distanz, desto komplizierter wird es mit den Medien. Auch der christliche Gottesdienst ist ja ein Medium. Ein altbekanntes, das auf manche altbacken wirkt. Aber es wirkt erstaunlicherweise nach wie vor, trotz aller Krisen. In der aktuellen Krise bemerkt man umso klarer, was fehlt, wenn dieses Medium Gottesdienst außer Kraft gesetzt wird. In der Kirche ist es wie in der Musikindustrie: Bei allen Umsatzrekorden digitaler Angebote bleibt das Live-Event das ultimative Objekt des Begehrens. Das kann kein Livestream ersetzen. 

Trotzdem, das Corona-Virus bestimmt weiter unsere Lebenswirklichkeit. Was tun?

Stoellger: In jedem Fall weiter nachdenken darüber, was das für die Kirchen bedeutet. Theologisch gesehen geht es bei der christlichen Botschaft um Leiblichkeit, um Verkörperung, Gemeinschaft, Atmosphäre, Raum und soziales Klima mit allen Sinnen, auch Nahsinnen wie Berührung, Riechen und Schmecken, um den ganzen Leibkörper mit seiner gefährlichen Nähe. Das alles hat religiöse Relevanz. Wie wir damit umgehen, ist eine beunruhigend offene Frage.

Interview: Uwe Birnstein


Von Prof. Dr. Philipp Stoellger stammt der Beitrag „Corona als Riss der Lebenswelt. Zur Orientierung über Naherwartungen, Enttäuschungsrisiken und Nebenwirkungen“, abgedruckt im neuen Buch „Corona als Riss. Perspektiven für Kirche, Politik und Ökonomie“ (Heidelberg 2020).

Die Heidelberger Forschungsstätte der Evangelischen Studiengemeinschaft e.V. (FEST) wurde 1958 als interdisziplinäres Forschungsinstitut gegründet; sie wird grundfinanziert durch die Evangelische Kirche in Deutschland, die evangelischen Landeskirchen, den Deutschen Evangelischen Kirchentag und die Evangelischen Akademien. Zum satzungsgemäßen Auftrag gehört die Aufgabe, wissenschaftliche Arbeiten anzuregen und zu fördern, die dazu bestimmt sind, die Grundlagen der Wissenschaft in der Begegnung mit dem Evangelium zu klären, und die Kirche bei ihrer Auseinandersetzung mit den Fragen der Zeit zu unterstützen.

Quelle: Evangelische Kirche in Deutschland: Nachrichten ( https://www.ekd.de/rss/editorials.xml?)
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