Betroffenheit ist nicht genug

Was unternimmt Kirche gegen Rassismus?

Wir stehen ein für die Würde eines jeden Menschen. Sie ist von Gott geschenkt, und niemand kann sie nehmen. Die Kirche muss das verteidigen. Nicht nur durch öffentliche Positionierung, sondern in praktischer Solidarität mit denen, die Rassismus erfahren. Das fängt damit an, Menschen wahrzunehmen, ihnen zuzuhören, ihre Geschichten zu glauben und ihre Erfahrungen ernst zu nehmen.

Es gibt kirchliche Bildungsprogramme wie antirassistisches Training, es gibt in Kirche und Theologie einen kritischen Diskurs. Das müsste aber alles viel mehr sein. Die EKD hat die Menschenrechtsinitiative #freiundgleich aufgestellt, mit der wir junge Menschen dafür sensibilisieren wollen, was ihre Rechte sind und die aller Menschen. Nur wenn ich meine eigenen Rechte kenne, kann ich die Rechte anderer Menschen verteidigen.

Trotzdem tritt in der Kirche Rassismus auf. Welche Beispiele sehen Sie?

Es tut weh, dass es Rassismus auch in der Kirche gibt. Umso wichtiger ist, dass wir eben nicht wegschauen, weil es uns unangenehm ist oder wir gerne bessere Menschen wären. Mich hat kürzlich bei einer Veranstaltung sehr berührt, wie jemand erzählt hat, dass er als “Person of Color” in der Gemeinde sehr aktiv war, auch im Kirchenvorstand mitgearbeitet hat. Aber aufgrund seiner Erfahrungen in der Gemeinde wieder gegangen ist. Er hat Formen von Alltagsrassismus erlebt und niemand hat ihm beigestanden.

Das ist ein Beispiel dafür, dass es bei Rassismus immer um uns selber geht. Wir müssen uns mit uns auseinandersetzen und das nicht nur von anderen erwarten.

Wie erklären Sie sich, dass sich Christen von der Durchschnittsbevölkerung bei der Wahrnehmung von Rassismus und auch in ihrem Verhalten nicht unterscheiden?

Wenn wir dabei nur auf uns, als Angehörige der verfassten Kirchen schauen, dann mag das so sein, weil wir Teil der Mehrheitsgesellschaft sind. Und die ist geprägt von bestimmten Vorstellungen und Gewohnheiten, zum Beispiel auch der scheinbaren Selbstverständlichkeit, dass Jesus weiß ist. Und wir bleiben ja auch weitgehend unter uns.

Wenn wir auf die vielen internationalen Gemeinden, die es in Deutschland gibt, sehen, dann stellt sich die Frage ganz anders oder gar nicht. Denn viele ihrer Mitglieder sind selbst von Rassismus betroffen, bei der Wohnungssuche, bei der Schulanmeldung, auf der Straße. Und hier müssen wir uns durchaus fragen, wie sich unsere Beziehung zu den Geschwistern gestaltet.

Wie können Gemeinde, wie können wir eigene Denkmuster überwinden und uns solidarisieren?

Indem wir zuerst unsere Seh-Gewohnheiten ändern und versuchen, die Perspektive zu wechseln: Wie würde es mir gehen, wenn ich zum tausendsten Mal erklären muss, dass ich in Deutschland geboren bin, und nicht vorgestern eingereist bin, obwohl ich anders aussehe und die Sprache mindestens so gut beherrsche wie die fragende Mehrheit? Ganz abgesehen von schlimmeren Erfahrungen, die “People of Color” machen.

Wir sollten überprüfen, wie offen wir für das sind, was andere mitbringen, aus ihrer Tradition, ihrem Glaubenszeugnis, und ob es bei uns dafür Raum gibt, ob wir bereit sind, gemeinsam unterwegs zu sein. Und deutlich machen bzw. wiederentdecken, dass Kirche von Anbeginn die Gemeinschaft der vielen Verschiedenen war.

Interview: Sven Kriszio

Quelle: Evangelische Kirche in Deutschland: Nachrichten ( http://www.ekd.de/rss/editorials.xml)
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