„Bonhoeffer war als Theologe kein Schreibtischtäter“

Und schließlich würde ich sagen: Im Umgang mit Bonhoeffer selbst ist ein verantwortungsethisches Konzept hilfreich. Es gibt ja viele, die sich auf Bonhoeffer berufen, und dann läuft so etwas mit wie: Wenn Bonhoeffer das auch gemacht hätte, was ich jetzt mache, dann brauche ich es eigentlich nicht weiter zu legitimieren. Ich würde sagen, Bonhoeffers verantwortungsethisches Konzept steht quer dazu. So darf man mit Bonhoeffer ganz sicher nicht umgehen. 

Bonhoeffer hat früh die Zeichen seiner Zeit erkannt und bei Hitlers Machtergreifung gewarnt, aus einem „Führer“ könne ein „Verführer“ werden. Was können wir von Bonhoeffer lernen, wenn wir heute wieder die Demokratie von rechts bedroht sehen? 

Christiane Tietz: Zunächst Zivilcourage. Es war für Bonhoeffer ein wichtiger Wert, dass man nicht einfach schweigt zu Unrecht oder zu unmöglichen Äußerungen, sondern sich kritisch positioniert.

Den Text zu „Führer“ und „Verführer“ hat Bonhoeffer 1933 geschrieben. Darin schreibt er, die Gefahr des Verführers liege darin, dass man sich Verantwortung abnehmen lassen möchte. Man delegiert sie an jemanden, der schon alles richten wird. Bonhoeffer schreibt, dass Menschen das immer dann machen, wenn sie selbst das Gefühl haben, dem Anspruch, der an sie gerichtet ist, nicht gerecht zu werden. Sie sind dann froh, das delegieren zu können, weil sie sich selbst zu schwach, zu unmündig, zu unreif fühlen. Da wäre jetzt von Bonhoeffer her aus meiner Sicht jeder und jede Einzelne aufzufordern, nicht einfach Leuten hinterherzulaufen, sondern sich ein eigenes Urteil zu bilden. 

Und noch ein Punkt:  Bonhoeffer war ja ein ökumenischer Denker, und Ökumene hieß zu der damaligen Zeit vor allem Ökumene zwischen Menschen in verschiedenen Ländern. Ihm war seit seinem Amerika-Aufenthalt 1930/31 sehr bewusst, dass es überall Christen gibt und dass man sich mit der christlichen Botschaft nicht nur auf das eigene Land beziehen darf. Ein nationalistisches Denken auf Kosten anderer ist mit Bonhoeffer überhaupt nicht zu machen. 

Bonhoeffer wurde und wird sicher vereinnahmt für Ideen, die nicht seine waren. Auch im rechten politischen Spektrum? 

Christiane Tietz: Den Eindruck habe ich. In Amerika hat ja Eric Metaxas‘ Biografie zu Bonhoeffer große Furore gemacht. Metaxas hat die These vertreten, dass Bonhoeffer bei seinem zweiten USA-Aufenthalt 1939 die christlichen Fundamentalisten in den USA parallelisiert habe mit der Bekennenden Kirche. Also dass der Kampf der Fundamentalisten gegen das liberale Christentum – insbesondere wie es am Union Theological Seminary und in der Riverside Church in New York vertreten wurde – gleichzusetzen wäre mit dem, wie Bonhoeffer gegen den Nationalsozialismus in Deutschland gekämpft habe, und Bonhoeffer selbst habe das so empfunden. Dafür gibt es aber überhaupt keinen Anhaltspunkt in Bonhoeffers Texten. Außerdem vergleicht man hier Dinge, die man nicht vergleichen kann. Der Kampf gegen die Nazis, gegen ein Unrechtssystem, war etwas ganz anderes als der heutige Kampf gegen den vermeintlich liberalen Zeitgeist in einer pluralistischen, den Menschenrechten verpflichteten Demokratie. Das wäre auch gegen eine Vereinnahmung Bonhoeffers im rechten politischen Spektrum in Deutschland herauszustellen. 

Quelle: Evangelische Kirche in Deutschland: Nachrichten ( http://www.ekd.de/rss/editorials.xml)
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