Abstand

Normalerweise kann ich gut einschätzen, wieviel Abstand es braucht: zu den Kollegen bei einem Meeting, in der Schlange an der Supermarktkasse. Je nachdem, wie vertraut man miteinander ist, kann man schon mal etwas näher zusammenrücken. Bei anderen Gelegenheiten ist mehr Distanz angebracht. Im Alltag regelt das das Bauchgefühl. Ich mag es, dass wir einer neuen Bekanntschaft die Hand geben. Das schafft persönliche Nähe.

Jetzt ist alles anders. Die Kanzlerin hat es in ihrer Rede auf den Punkt gebracht: „Wir müssen aus Rücksicht voneinander Abstand halten.” Mindestens anderthalb, besser zwei Meter. Treffen in Gruppen von mehr als zwei Menschen sind ganz untersagt. Die Kommunikation von Angesicht zu Angesicht wird seltener, denn das Gebot der Stunde ist: soziale Kontakte meiden. Oma und Opa sollen wir nicht mehr besuchen. Und es gibt schon Familien, da ist eine Person in Quarantäne und darf mit den anderen keinen direkten Kontakt mehr haben. Selbst beim Spazierengehen fällt mittlerweile auf, dass die Menschen von sich aus großen Abstand halten. Das macht bestimmt nicht nur mich unsicher. Wer will sein Gegenüber auf Dauer immer erstmal als „Sozialkontakt“ sehen – und nicht als Freundin, als Kollegen, als Nachbarn? Dabei haben wir es noch gut als Familie mit kleinen Kindern, die uns jeden Tag auf Trab halten. Was wohl die alleinstehende Kollegin unternimmt, um nicht innerlich zu vereinsamen? 

Manche Abstände kann die elektronische Kommunikation überwinden: Telefonieren, Chatten, Inhalte. „Sharen“ ist so wichtig wie nie zuvor. Ich glaube aber, im Moment ist unser wichtigstes Kommunikationsmittel das eigene Herz. Wen ich ins Herz geschlossen habe, der kommt mir in Zeiten des äußeren Abstands nicht so schnell abhanden. Paulus war viel auf Reisen und hat seine Freunde nur selten persönlich zu Gesicht bekommen. Paulus findet ein kühnes Bild für die Nähe, die er zu den Abwesenden empfindet: Sie sind wie ein Brief von Jesus Christus, den er, Paulus, persönlich in ihre Herzen geschrieben hat (2 Kor 3,3). Mir hilft es, daran zu denken, wer in meinem Herzen einen Brief geschrieben hat. Diese Menschen sind auch jetzt da. Die Kommunikation des Herzens kennt glücklicherweise keine Abstandsregeln.

Johannes Wischmeyer
 

Quelle: Evangelische Kirche in Deutschland: Nachrichten ( http://www.ekd.de/rss/editorials.xml)
Bitte lesen Sie den ganzen Text auf der Originalseite des Feeds – zur Quelle

Schreibe einen Kommentar