Huber: „Das Virus verlangt verantwortliche Reaktionen von uns“

Zu verhindern, dass Ärzte vor einem ethischen Dilemma stehen, ist der Grund für die Einschränkungen. Warum rechtfertigt dieses Ziel aus ethischer Perspektive, dass 80 Millionen Deutsche wochenlang im Prinzip nur zum Einkaufen ihr Haus verlassen können?

Wolfgang Huber: Weil dies der Ernstfall der menschlichen Würde ist. Wir wollen in einem Land leben, in dem kein Mensch nur unter dem Gesichtspunkt angesehen wird, was er der Gesellschaft nützen kann. Sondern jeder wird mit Blick auf die persönliche Integrität und die Unantastbarkeit seiner Würde angesehen. Sie zu achten, ist ein Gebot für jeden Einzelnen, nicht nur für den Staat. Deshalb verhalten wir uns so, dass die Gefahr für unsere Mitmenschen wie für uns selbst so gering wie möglich gehalten wird. Wenn wir das aus innerer Überzeugung tun, können wir ohne Beschädigung unseres freiheitlichen Zusammenlebens aus dieser Krise herausfinden.

Kann ein Arzt oder eine Ärztin nach ethischen Kriterien überhaupt eine Entscheidung über Leben und Tod eines Menschen treffen?

Wolfgang Huber: Es gibt Situationen, aus denen man nicht schuldlos herausfindet, aber trotzdem handeln muss. Mit größtem Respekt müssen wir an Ärztinnen, Ärzten und Pflegende denken, wenn sie solche Situationen auf sich nehmen müssen. Wenn sie nicht allen helfen können, müssen sie einen Weg suchen, um möglichst viele Menschenleben zu retten. Sie nehmen aus Verantwortung Schuld auf sich, weil es in einer solchen Situation keinen Weg der Schuldvermeidung gibt. Sie müssen tun, was sie in dieser Situation für das relativ Bessere halten. Als Gesellschaft müssen wir das mittragen.

Der Kirchenrechtlicher Hans Michael Heinig sprach kürzlich von einem „faschistoid-hysterischen Hygienestaat“, der sich innerhalb kürzester Zeit entwickelt habe. Wie nehmen Sie die gesellschaftliche Debatte derzeit wahr?

Wolfgang Huber: Heinig hat gesagt, wir wollten uns nicht in wenigen Wochen in einem solchen Staat befinden. Die aktuellen Regelungen hat er ausdrücklich akzeptiert, wenn sie mit Augenmaß angewendet werden. Dem stimme ich zu. Zum Augenmaß können wir beitragen, indem wir die Einschränkungen aus Überzeugung akzeptieren und nicht aus äußerem Zwang. Erinnerungen an einen Staat, der die Bewegungsfreiheit der Menschen eingeschränkt hat, sind zwar verständlich. So lange wir selbst an der Freiheitlichkeit unserer Gesellschaft keine Zweifel aufkommen lassen, tragen wir dazu bei, dass die Einschränkungen beendet werden, sobald sie nicht mehr notwendig sind. Der springende Punkt ist, dass wir selbst freiheitsgesonnene und demokratische Bürgerinnen und Bürger bleiben; dann haben wir keinen Grund, über einen faschistoiden Staat zu fantasieren.

Wird die soziale Distanzierung etwas daran ändern, wie wir uns in Zukunft begegnen? Wird es nicht Spuren hinterlassen, dass wir unsere Mitmenschen augenblicklich als potenzielle Ansteckungsgefahr ansehen?

Wolfgang Huber: Der Begriff der sozialen Distanz war kommunikativ missverständlich: Es geht ja nicht um soziale, sondern um körperliche Distanz. Menschliche Nähe zeigt sich nicht nur darin, dass wir uns um den Hals fallen. Man kann jetzt in Ruhe überlegen, ob das die einzige Form ist, Verbundenheit zum Ausdruck zu bringen. Es kann aber auch das Gegenteil der Fall sein, dass wir dann wieder mehr körperliche Nähe auch zwischen Fremden praktizieren, wenn wir es wieder dürfen.

Quelle: Evangelische Kirche in Deutschland: Nachrichten ( http://www.ekd.de/rss/editorials.xml)
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