Wo Glaube mit den Händen zu greifen ist

Daniela Milz-Ramming ist neue Landespfarrerin für Gehörlosenseelsorge

Daniela Milz-Ramming, Landespfarrerin für Gehörlosenseelsorge.Siegfried Denzel/elk-wue.de

Stuttgart/Lonsee. Der Anstecker an ihrem Sakko ist besonders. Silbern zwar – aber er erinnert mit seiner Form an einen Frühblüher, der mit frischem Grün das Ende des Winters ankündigt: Zwei Hände bilden die Blätter – und aus ihnen wächst wie ein Blütenstengel das Kreuz. Dieser Anstecker sagt einiges aus über Daniela Milz-Ramming, die neue württembergische Landespfarrerin für Gehörlosenseelsorge.

Zwei Hände, aus denen das Kreuz wächst: Anstecker am Sakko von Gehörlosenpfarrerin Daniela Milz-Ramming.Siegfried Denzel/elk-wue.de

„Ich war super gerne Dorfpfarrerin.“ Daniela Milz-Ramming schwärmt noch immer von diesem nun beendeten Kapitel ihres Wirkens. Zwischen 2007 und 2013 war sie Seelsorgerin in Dürrenzimmern bei Brackenheim, ehe sie als Pfarrerin in die knapp 5.000 Einwohner zählende Alb-Gemeinde Lonsee wechselte, 15 Kilometer von Ulm entfernt. Privat ist sie im Lonseer Ortsteil Urspring noch immer daheim.

Doch ihr berufliches Zuhause ist seit wenigen Wochen das Landespfarramt für Gehörlosenseelsorge in Stuttgart. Die 48-Jährige ist Nachfolgerin von Pfarrer Roland Martin, der sich im Herbst nach fast 40 Jahren als Gehörlosenseelsorger in den Ruhestand verabschiedet hat. Doch während Martin in Jugendzeiten durch sein familiäres Umfeld in dieses „Spezialgebiet“ geradezu hineingewachsen ist, liegt der Fall bei Daniela Milz-Ramming etwas anders.

„Amt findet Inhaberin“, könnte man sagen. Pfarrerin Milz-Ramming drückt es anders aus: „Ich wage zu behaupten, dass es ein bisschen Vorsehung gewesen sein könnte.“

Besonderes Geschenk mit 18

„Leidenschaft aus grundlosem Interesse“ nennt sie ihre Freude an der Gebärdensprache. Weder sie selbst noch irgendwelche Angehörige sind schwerhörig oder taub. Umso bemerkenswerter ist es, dass die gebürtige Ochsenhausenerin als 15-jähriger Teenager das Kommunizieren mit den Händen für sich entdeckt und später geradezu lieben gelernt hat.

An ihrem 18. Geburtstag, erinnert sich die Theologin, „haben mir meine Freunde ein Gebärdenlexikon geschenkt“.

Auf Augenhöhe mit Englisch oder Französisch

Daniela Milz-Ramming sagt es scheinbar beiläufig: „Als meine Hände Worte bekommen haben, war das ein wunderbares Gefühl.“ Für sie ist Gebärdensprache keine „Krücke“, um eine körperliche Beeinträchtigung zu kaschieren. Für sie ist Kommunikation mit Händen eine lebendige Sprache. Sozusagen auf Augenhöhe mit Englisch, Französisch oder Spanisch.

Sitz des Landespfarramts für Gehörlosenseelsorge ist die Diakonie-Zentrale in der Heilbronner Straße in StuttgartSiegfried Denzel/elk-wue.de

So ist eine resolute Bemerkung der Gehörlosenpfarrerin nur logisch: „Ich kann nicht akzeptieren, dass die Angehörigen meiner Klientel nur als ,arme Behinderte’ betrachtet werden.”

Sie sehe vielmehr deren Anspruch, „dass sie einen Gottesdienst in ihrer Sprache feiern können“. Und dafür seien Gehörlose zu großen Anstrengungen bereit, betont Daniela Milz-Ramming: Teilweise fahren sie mehr als 100 Kilometer, um zum nächsten Gehörlosen-Gottesdienst zu kommen.

An neun Orten in Württemberg gebe es monatlich mindestens einen, insgesamt sind es in Württemberg 18 „Gehörlosen-Standorte“. Etwa wie jener neu hinzu gekommene in Tuttlingen: Weil vor Ort aber kein Seelsorger die Gebärdensprache beherrsche, betreut ein Kollege Milz-Rammings von Stuttgart aus die kleine Gemeinde.

Wie viele „Schäfchen“?

Apropos Gemeinde: Für wie viele „Schäfchen“ sie zuständig ist, weiß die Landespfarrerin nicht: „Es steht ja nicht auf den Kirchensteuerlisten, wer nicht hören kann.“

Von sich aus gemeldet haben sich 1.200, wobei die meisten im fortgeschrittenen Alter seien: Gerade die ältere Generation sei der Kirche treu, „weil wir uns noch vor dem Staat oder den Schulen auf Gebärdensprache eingestellt haben”, sagt Daniela Milz-Ramming.

Sie eingeschlossen, sind in Württemberg derzeit 16 Gehörlosen-Seelsorger aktiv – die meisten nebenamtlich. Oder als Ruhestandspfarrer wie ihr Vorgänger Roland Martin.

Gehörlosenpfarrerin Daniela Milz-Ramming.privat

Fortschritt verkleinert Gemeinden

Jüngere sind in ihrer Gemeinde hingegen in der Minderheit: Das liegt nicht nur am demographischen Wandel, sondern auch am medizintechnischen Fortschritt.

Für taub Geborene oder im Laufe ihres Lebens Ertaubte gibt es nämlich immer bessere Hör-Prothesen: Die Cochlea-Implantate ermöglichen den Betroffenen zumindest „Hör-Eindrücke“, wie Daniela Milz-Ramming beschreibt. Die meisten Prothesenträger ordneten sich dann selbst den Hörenden zu.

Dennoch fürchtet die Seelsorgerin nicht, dass ihr die Arbeit ausgeht. Beispielsweise strebt sie ein größeres Verständnis bei „normalen“ Kirchengemeinden für die Belange von Gehörlosen an. „Wenn man einen Rollstuhlfahrer drei Mal in die Kirche getragen hat, baut man eine Rampe. Aber Gehörlosigkeit sieht man nicht”, vergleicht sie. Deshalb sei es auch schwer, bei Hörenden Veränderungsbereitschaft zugunsten ihrer Klientel zu wecken.

„Langweilig“

Wie weit auseinander Hörende und Nichthörende sind, belegt ein offensichtlich nicht zufällig entstandener Gebärden-Ausdruck, der der 48-Jährigen in ihrer Eigenschaft als Pfarrerin regelrecht weh tut: „Langweilig.“

Wenn ein Gehörloser „langweilig“ ausdrückt, tue er das ausgerechnet mit jener Geste, die Theologen bei der Formel „im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes“ verwenden. Daniela Milz-Ramming übersetzt das für ihre Klientel so: „Kirche ist langweilig!“

Lange Orgelvorspiele etwa oder gestenarme Predigten seien für sie einfach nicht zu verstehen. Wobei die Pfarrerin nicht für eine strikte Trennung zwischen Hörenden- und Gehörlosen-Gottesdiensten plädiert – sondern im wörtlichen Sinne für mehr Verständnis füreinander. Beispielsweise dolmetsche ihre 16-jährige Tochter für Hörende, wenn sie mit Gebärden Gottesdienste für Gehörlose feiert.

In den Gottesdiensten seien zudem nicht nur die Grenzen zwischen Hörenden und Gehörlosen oft fließend: „Mehr Ökumene geht gar nicht“,  beschreibt sie die Zusammensetzung ihrer Gehörlosen-Gemeinden. Die seien beileibe nicht nur evangelisch. Genauso selbstverständlich gehörten auch katholische Gehörlose dazu. „Und es sitzen auch Muslime in den Gottesdiensten“ – Gehörlosigkeit verbindet.

„Ich spiele schlecht – aber es macht Spaß“

Trotz ihrer Begeisterung für Gehörlosenseelsorge und Gebärdensprache: Privat ist die 48-Jährige in der Welt der Hörenden unterwegs. So lernt sie gerade Italienisch und nimmt Geigenunterricht. „Ich spiele zwar furchtbar schlecht – aber es macht einfach Spaß“, gesteht sie lachend.

Und seitdem sie ein Motorradfahrer-Paar getraut hat, ist sie nicht nur mit diesem Paar eng befreundet, sondern hat auch Zugang zur Biker-Szene gefunden – inklusive der „Kirche auf zwei Rädern“, wie das Motto des gemeinsamen Auftritts der evangelischen und katholischen Kirchen Baden-Württembergs auf der Urlaubsmesse CMT im Januar in Stuttgart lautete. „Mir machen Motorradgottesdienste sehr viel Freude”, erzählt sie. Aber das ist schon wieder eine andere Geschichte…


Siegfried Denzel


Quelle: Evangelische Landeskirche Württemberg ( http://www.elk-wue.de/index.php?type=13)
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