Bedford-Strohm: “Bestimmte Normen müssen einfach gelten”

Algorithmen spülen nach oben, was am meisten Klicks bekommt ?

Bedford-Strohm: Studien zeigen, dass Hass und blanker Unsinn mehr geklickt wird als Wahrheit und Gemäßigtes daran erkennt man die neue Dynamik. Das Video Die Erde ist eine Scheibe wird sechsmal mehr angeklickt als ein Video, das die wissenschaftlich korrekte Erklärung bringt. Obwohl jeder weiß, dass es Unsinn ist. Es entsteht eine Situation, als ob die Unwahrheit plötzlich Wahrheit und als ob Hass akzeptabel wären. Wir müssen fragen, wie es gelingen kann, die Algorithmen ethisch verantwortlich zu gestalten.

Wo liegt die Verantwortung?

Bedford-Strohm: Auf unterschiedlichen Ebenen: Auf der individuellen Ebene können Menschen selbst entscheiden, wie sie mit sozialen Medien umgehen. Dort müssen bestimmte Regeln des Anstands gelten, und man muss sich selbst schützen. Auf Organisationsebene müssen Unternehmen die Konsequenzen ihres Handelns hinterfragen und ihre Berufsethik neu aufstellen. Da ist noch viel Handlungsbedarf bei Google und Facebook, bis hin zu den Programmierern, die entsprechend geschult werden müssen.

Auf politisch-struktureller Ebene muss man sicherstellen, dass ein neues Medium mit einem gesetzlichen Rahmen versehen wird, der systemische Unverantwortlichkeit verhindert. Der ehemalige ARD-Vorsitzende Ulrich Wilhelm hat ein Modell vorgeschlagen, dass wir in Europa eigene Server einrichten, die nach europäischen Normen funktionieren. Und auf sozialkultureller Ebene müssen wir diskutieren: Was gilt als normal? Wo findet eine Verschiebung des Konsenses statt, die nicht hinnehmbar ist? Da stellen wir eine Enthemmung fest.

Welche Rolle spielt die Kirche beim Thema Hassrede?

Bedford-Strohm: Wir müssen dafür sorgen, dass das, was als normal gilt, sich nicht verschiebt. Es kann nicht normal sein, Menschen herabzusetzen. Daran darf man sich nicht gewöhnen. Da haben wir als Kirche eine wichtige Funktion, und da ist es mir dann egal, wenn uns jemand Moralismus vorwirft bestimmte Grundnormen müssen einfach gelten. Dass wir einander mit Achtung und Respekt begegnen und das auch einklagen, ist keine moralistische Appellitis, sondern eine Selbstverständlichkeit.

In den sozialen Medien laufen die Debatten wahnsinnig hektisch …

Bedford-Strohm: Wer in sozialen Medien schnell reagiert, hat den Vorteil. Wer das professionell nutzt, kann viel manipulieren. Auf AfD-Seiten wird das zum Beispiel schamlos genutzt, um Angst zu verbreiten. Das sehe ich als Gefahr für den öffentlichen Diskurs. Es geht dann nämlich nicht mehr um den Austausch von Argumenten auf der Basis von Fakten, sondern um das Schüren von Stimmungen. Auch wir als Kirche müssen versuchen zu vermeiden, uns in Blasen zu bewegen. Die Kunst ist, beides zu tun: klare Kante zu zeigen und zu versuchen, Menschen ins Gespräch zu bringen und die Bilder, die man sich voneinander gemacht haben, fluider zu machen.

Quelle: Evangelische Kirche in Deutschland: Nachrichten ( http://www.ekd.de/rss/editorials.xml)
Bitte lesen Sie den ganzen Text auf der Originalseite des Feeds – zur Quelle

Schreibe einen Kommentar