Von der ersten Bischöfin zur Ruheständlerin an der Nordsee

Ihre Wahl fand weit über Deutschlands Grenzen hinaus Beachtung, sogar Radio Vatikan berichtete. Über Nacht avancierte Jepsen zum Medienstar, Interview-Anfragen kamen aus aller Welt. Für eine Hamburger Zeitschrift gab sie sogar den Inhalt ihrer Handtasche preis, einem überregionalen Magazin verriet sie, dass sie privat gerne mal eine Pfeife rauche – Fotos davon gab es allerdings nie.

“Ich verstehe meine Wahl als Ermutigung für alle Frauen und Männer, aus patriarchalischen Strukturen auszubrechen und Kirche insgesamt offener zu gestalten”, kündigte die neue Bischöfin an. Und die Zeit dafür war reif: Zweimal waren Anfang der 90er Jahre Frauen im Norden bei einer Bischofswahl knapp gescheitert – in Schleswig (1990) und in Lübeck (1991). Doch in Hamburg klappte es: “Wir werden in einen anderen Alltag zurückkehren als vorher”, sagte Vorgänger Bischof Peter Krusche bei der Übergabe des Amtskreuzes. Schon ein Jahr später formulierte die Nordelbische Kirche ihre Verfassung in frauengerechter Sprache.

Jepsen galt als fortschrittliche, dem Feminismus zugewandte Theologin. Das brachte ihr von Beginn an heftige Kritik kirchenkonservativer Kreise ein. Schon mit ihrer Kandidatur wurde der Untergang des Abendlandes beschworen. Doch Maria Jepsen trat dem resolut entgegen. “Wie Kinder fromm und fröhlich sein”, beschrieb sie oft ihr Lebensmotto. Geschlechterprobleme gehörten “geschwisterlich gelöst”. Wichtiger als die Frage nach Mann oder Frau sei es, kirchliche Meinungen und Positionen überhaupt in die Öffentlichkeit zu bringen – nur so werde die Kirche weiterhin wahrgenommen und um Rat gefragt.

Die Bischöfin pflegte die Basisnähe. Unermüdlich war sie in der Stadt unterwegs, besuchte soziale und diakonische Einrichtungen und Initiativen. “Kirche muss Stimme der Stummen sein” – diese Devise führte sie fast zwangsläufig auch zu den Randgruppen der Gesellschaft. Zentrale Themen waren für sie der ökumenische und der interreligiöse Dialog. Beste Kontakte knüpfte sie zur russisch-orthodoxen Kirche, die kirchlich-diakonische Beteiligung an der Städtepartnerschaft zwischen Hamburg und St. Petersburg gerieten ihr zur Herzensangelegenheit.

Im April 2002 wurde sie ohne Gegenkandidaten für eine zweite zehnjährige Amtszeit wiedergewählt, sogar mit 20 Stimmen mehr als beim ersten Mal. Doch acht Jahre später trat die damals 65-Jährige überraschend zurück: Sie wolle und müsse “ein Zeichen setzen”, erklärte sie. Anlass waren die Anfang 2010 bekanntgewordenen Fälle sexualisierter Gewalt in der Hamburger Umlandgemeinde Ahrensburg. In manchen Medien wurde der Bischöfin Untätigkeit vorgeworfen – was sie zutiefst erschütterte. Sie ließ sich nicht umstimmen und übernahm öffentlich und kirchenpolitisch die Verantwortung. Sie wolle “Schaden abwenden” von Kirche und Bischofsamt, sagte sie.

Im September 2010 verließ sie Hamburg Richtung Nordfriesland und bewohnt seitdem mit ihrem Ehemann Peter ein rothölzernes Schwedenhaus am Stadtrand von Husum. Dort engagiert sich die Altbischöfin für die KZ-Gedenkstätte Husum-Schwesing. Sie ist Vorsitzende des Freundeskreises und nutzt ihre Erfahrungen im Umgang mit Gremien, Behörden und Politik.

Sporadisch taucht sie auch noch in Hamburg auf, so im vergangenen Jahr zum 25-jährigen Bestehen der Hamburger Aids-Seelsorge und der Gruppe “Lesben und Kirche”. Eine Anfrage zu ihren Plänen für 2020 ließ sie unbeantwortet – auch ein einstiger Medienstar nimmt sich das Recht auf den Ruhestand.

Quelle: Evangelische Kirche in Deutschland: Nachrichten ( http://www.ekd.de/rss/editorials.xml)
Bitte lesen Sie den ganzen Text auf der Originalseite des Feeds – zur Quelle

Schreibe einen Kommentar