Dicht dran am Puls der Wende-Zeit

Prälatin Gabriele Arnold hat den 9. November 1989 in Berlin erlebt

„Die Mauer ist weg!“ Wie eine Trophäe hält ein Trabi-Fahrer am 11. November 1989 eine Zeitung mit dieser Schlagzeile aus dem Fenster, als er am Grenzübergang Marienborn/Helmstedt erstmals in den Westen fährt.Günter Mach/CC BY-SA 2.5

Stuttgart/Berlin. Die friedliche Revolution in der DDR und der Mauerfall – 2019 jährt sich das Überwinden der deutschen Teilung zum 30. Mal. elk-wue.de veröffentlicht aus diesem Anlass eine Serie über Persönlichkeiten, die Württemberg verbunden sind – aber auch die „andere” Seite erlebt haben. So wie Gabriele Arnold: Die heutige Stuttgarter Prälatin hat den Mauerfall 1989 als Vikarin in Berlin erlebt.

„Es roch nach Zweitaktern und Braunkohle. Die Häuser waren grau und die Straßen gepflastert.“ Die Stuttgarterin Gabriele Arnold gehört zu jenen vergleichsweise wenigen Süd(west)deutschen, die das „andere“ Deutschland noch vor dem Mauerfall am 9. November vor 30 Jahren erlebt haben.

Die heutige Stuttgarter Prälatin war in den 1980er Jahren Studentin sowie Assistentin an der kirchlichen Hochschule Berlin – und erlebte den Mauerfall in der bis dahin geteilten Stadt.Siegfried Denzel/EMH

Das geteilte Berlin war in den 1980er Jahren so etwas wie „ihre“ Stadt: Ihr Theologiestudium hatte die heutige Regionalbischöfin nach Stationen in Tübingen und Mainz ab 1983 in Berlin fortgesetzt. Und obwohl die Stadt durch eine der damals unüberwindlichsten Mauern dieser Welt geteilt war, „war ich oft im Osten“; die Partnerschaft der Kirchen in West-Berlin und in der „Hauptstadt der DDR“ hatten es möglich gemacht.

Für die heute 58-Jährige war das Leben an der Spree schon Jahre vor der Wende so spannend, dass ihre zwischenzeitliche Rückkehr nach Württemberg nur von kurzer Dauer war: 1986 absolvierte sie ihr Vikariat im beschaulichen Alb-Städtchen Laichingen – und war ab dem folgenden Jahr flugs wieder in ihrer Wahlheimat: Zunächst als Assistentin an der kirchlichen Hochschule Berlin, dann ab Frühjahr 1990 als Gastvikarin an der Johanneskirche im südlichen Berliner Bezirk Steglitz.

„Die friedliche Wende hinbekommen“

Gabriele Arnold war also ganz dicht dran am Puls der Zeit. Unumwunden räumt die Theologin ein, wie sehr diese Zeit sowohl sie selbst als auch ihre Sicht auf die Kirche verändert hat.

Ja, und ein ganz klein bisschen Neid auf die Ostdeutschen war bei ihr wohl auch dabei, als am frühen Abend des 9. November vor 30 Jahren die Berliner Mauer ihren Schrecken verlor. Denn als der damalige SED-ZK-Sekretär Günter Schabowski die sofortige Reisefreiheit für DDR-Bürger verkündete, war ihr mit einem Mal klar: Die Ostdeutschen hatten mit ihren wochenlangen Demonstrationen und Protesten tatsächlich „eine friedliche Wende hinbekommen“.

Damit hatte in Gabriele Arnolds Umfeld niemand gerechnet: „Von uns hat keiner geglaubt, dass die die Mauer aufmachen“ – doch dann änderte ein einziger, vor laufenden Kameras verhaspelt vorgetragener Satz eines offenbar selbst überraschten SED-Sekretärs alles…

Die denkwürdige Pressekonferenz am Abend des 9. November: SED-ZK-Sekretär Günter Schabowski (2.v.r. auf dem Podium) verkündete die sofortige Reisefreiheit für DDR-Bürger – die Mauer war damit gefallen.Thomas Lehmann/Bundesarchiv/CC-BY-SA 3.0

„Wir Westler sind gescheitert“

Damit verbunden war gleichzeitig eine Art persönlicher „Niederlage“: „Wir als Westler sind in den 1980er Jahren gescheitert mit der Friedensbewegung – im Einsatz gegen die Nachrüstung.“ So gehörte die damals friedensbewegte Theologin zu jenen Demonstranten, die vor dem Atomwaffendepot Mutlangen gegen den damaligen Nato-Doppelbeschluss und die Stationierung von amerikanischen Pershing II-Raketen protestierten. Allem Einsatz der Friedensbewegung zum Trotz: Die Raketen kamen.

Die auf einem Bibelzitat beruhende Losung „Schwerter zu Pflugscharen“ war das Motto der DDR-Friedensbewegung.Gnubold/Kirche Sebnitz

Dagegen war die von vielen ostdeutschen Kirchengemeinden propagierte Losung „Schwerter zu Pflugscharen“ – im Nachhinein betracht – viel erfolgreicher. „Meine Wahrnehmung ist, dass die friedliche Wende in der DDR auch ein Verdienst der Kirche war“, sagt die Prälatin.

Vielleicht war diese Rolle in der Wendezeit auch eine Konsequenz aus der besonderen Situation, in der sich die Kirche im selbsternannten Arbeiter- und Bauernstaat befand: „Wer in der DDR in der Kirche war, war dies aus voller Überzeugung“ – und damit bereit, für seine Überzeugung mit schweren Nachteilen für sich und seine Familie zu bezahlen.

Als Ost-Pfarrer der Studentin und späteren Vikarin Gabriele Arnold berichteten, „dass sie nie wussten, was nach Predigten geschehen würde“, weil sich offizielle oder inoffizielle Mitarbeiter von der im Volksmund auch als  „Horch und greif“ bezeichneten Stasi in die Gemeinde geschlichen hatten, da war’s aus mit der ursprünglichen Verklärung des Sozialismus, der sich Arnold und manche Kommilitonen hingegeben hatten.

Sozialismus als Denkmöglichkeit

„Ich muss sagen, dass wir uns manches schöngeredet haben“, erinnert sich die Regionalbischöfin an ihre Studentenzeit. In der damals „eher linksliberalen Grundstimmung“ am Tübinger Stift erschien die DDR zwar als „nicht so gut“. Aber „den Sozialismus hatten wir zumindest als Denkmöglichkeit gesehen“.

Die Ecke Oderberger Straße/Choriner Straße 1989 am Prenzlauer Berg: „Es roch nach Zweitaktern und Braunkohle.” Aad van der Drift/CC BY 2.0

Als die Wahl-Berlinerin dann aber mit dem real existierenden Sozialismus konfrontiert wurde, „bröckelte es massiv“ – und das lag nicht etwa an den grauen Häusern sowie dem Geruch nach Braunkohle und blauen Zweitakt-Wolken. Sondern an der schnell einsetzenden Erkenntnis, „dass die DDR in Wahrheit ein Unrechtsstaat war. Was die Menschen nicht hatten, war Rechtssicherheit”.

Die wachsende Unzufriedenheit der Bürger, die gleichzeitige Entschiedenheit vieler Pastoren und Kirchengemeinden sowie die immer schwieriger werdende Wirtschaftslage der DDR ließen den Druck steigen – und waren wohl die entscheidenden Faktoren für die Zeitenwende.

Jene aber war zumindest Gabriele Arnold in den Tagen nach dem 9. November noch nicht ganz geheuer: „Wir sind immer wieder rausgefahren um zu schauen, ob die Mauer noch offen war.“ Doch sie war offen – und blieb es.

„Permanente Euphorie“

Nicht nur, dass die Ost-Grenzschützer keinen einzigen Schuss abgaben, als Zigtausende gleich nach den entscheidenden Worten von SED-Spitzenkader Schabowski gen Westen drängten, schien der damals 28-jährigen jungen Mutter fast unwirklich. Sondern auch die Tatsache, dass schon in den Tagen danach die ersten „Mauerspechte“ Hammer und Meißel zückten und abzutragen begannen, was der Hammer-und-Zirkel-Staat mit deutscher Gründlichkeit zur schier unüberwindlichen „befestigten Staatsgrenze“ betoniert hatte. 

„Es war eine permanente Euphorie in der Stadt“, beschreibt sie die Stimmung in der wiedervereinigten Stadt.

Das DDR-Staatswappen: Hammer und Zirkel, von einem Ährenkranz umfasst.gemeinfrei

Und noch etwas hat sie in Erinnerung, als wäre es erst gestern gewesen: die brechend vollen S-Bahnen.

Als sie sich mit ihren damals zwei kleinen Söhnen in einen Waggon zwängte, „bin ich nach drei oder vier Stationen wieder ausgestiegen – ich hatte Angst, wir würden zerquetscht“.

„Mir hat noch keiner niemals nicht eine Banane geschenkt“

Schnell folgten weitere Erlebnisse, die Gabriele Arnold aus der Euphorie rissen. Sie habe schon früh gespürt, „dass eine Neiddebatte auf uns zukommt”. Und zwar weniger aus Neid der materiell meist schlechter gestellten Ostdeutschen auf die „Wessis” – sondern andersherum, wie sie anmerkt. „Als von einem Lkw aus Bananen an Ost-Berliner verteilt wurden, stand da ein Mann aus dem Wedding und beschwerte sich in typischem Berlinerisch: ,Mir hat noch keiner niemals nicht eine Banane geschenkt.’“

An der Kleidung zu erkennen

Dass der Maulende aus dem Westen stammte, war für Gabriele Arnold ganz offensichtlich: „Man konnte schon an der Kleidung erkennen, ob jemand aus dem Osten oder Westen kam.“

Die Theologin spricht von einem „Aufeinandertreffen der Kulturen“, das selbst nach der Währungsreform im Sommer 1990 unübersehbar war: „Da gab es zwar auch im Osten die Westwaren, aber es war alles ganz anders dekoriert.“

Eine DDR-Kaufhalle in der Pappelallee in Ost-Berlin.Gabriele Senft/CC BY-SA 3.0

Unterschiedliche Kirchen

Dieses Aufeinandertreffen der Kulturen gab’s aber auch zwischen Ost- und West-Kirche: Als die Stuttgarterin im Mai 1990 ihr Gast-Vikariat in Steglitz begann, war sie mit ihren Vikars-Kollegen „der erste Jahrgang, in dem eine Vikarin aus dem Osten mit dabei war“.

Und die habe mit der West-Kirche durchaus gehadert: „Aus ihrer DDR-Vergangenheit heraus war sie dem Volkskirchlichen gegenüber sehr kritisch eingestellt“ – eine Erinnerung an Ost-Kollegen, die nicht nur Gabriele Arnold hat. Die Kirche im Osten, hatte auch die aus Baden-Württemberg stammende frühere mitteldeutsche Bischöfin Ilse Junkermann gegenüber elk-wue.de betont, sei noch immer viel stärker von der 1934 verabschiedeten Barmer Erklärung als Grundlage der Bekennenden Kirche geprägt.

Hatte jene sich mit der Erklärung damals gegen den wachsenden Druck des NS-Regimes gestemmt und allein Jesus Christus zum Maßstab allen Handelns erklärt, war dies auch nach dem Zweiten Weltkrieg für viele Theologen im Osten gültig. Die rote Diktatur hatte zwar die braune abgelöst – eine Diktatur war’s trotzdem.

Den Boden unter den Füßen weggezogen

Umso größer war dann ein, zwei Jahre nach der Wende der Schock, als herauskam: Einige Pfarrer dienten dieser Diktatur als Stasi-Spitzel – und zwar nicht nur „normale“ Pastoren, wie die heutige Prälatin weiß. Sondern „das ging bis in die Kirchenleitung hinauf“.

Was sie persönlich „nur“ schockiert hat, habe manche Ost-Theologen bis ins Innerste getroffen. „Ich weiß von einem Kollegen, dass ihm das den Boden unter den Füßen weggezogen hat.“

Der Marktplatz von Greifswald mit dem Rathaus – und dahinter dem Dom St. Nikolai.Harald909/CC BY-SA 3.0

West-Theologen als Lernende

Doch in den drei Jahrzehnten seit dem Mauerfall ist viel passiert – Positives: „Ich denke, dass Ost und West die Zeit genutzt haben, um zusammenzuwachsen”, ist die Stuttgarter Prälatin viele Jahre nach ihrer Berliner Zeit überzeugt. „Wenn meine Friseurin erzählt, dass ihre Eltern aus der Umgebung von Greifswald kommen, dann sagt sie das mit einer Selbstverständlichkeit, als wenn sie aus München kämen.“

Auch bei den deutschlandweiten Treffen der Regionalbischöfe gebe es kein „Wir Westler – ihr Ostler“ mehr, fügt sie hinzu, um sich sogleich zu korrigieren. Denn oftmals seien es inzwischen die West-Theologen, die von ihren Kollegen aus den gar nicht mehr so neuen Ost-Bundesländern lernen können: Sie machten es vor, „wie es möglich ist, Kirche in einer entkirchlichten Region zu bewahren“.

Zwar ist die württembergische Landeskirche noch weit davon entfernt, ihren Charakter als Volkskirche zu verlieren. Aber: „Wir werden in 20 Jahren auch nicht mehr in jeder Dorfkirche Gottesdienst feiern können”, ist sich Gabriele Arnold angesichts des kontinuierlichen Mitgliederverlustes bewusst.

So gibt es eine Gemeinsamkeit, auf die viele zwat gerne verzichten würden – aber die Kreativität im Osten wie im Westen anspornt: „Wir schauen jetzt gemeinsam auf Herausforderungen: Wie gehen wir mit weniger Mitgliedern, weniger Geld und weniger Personal um?“


Siegfried Denzel


Quelle: Evangelische Landeskirche Württemberg ( http://www.elk-wue.de/index.php?type=13)
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