FriedensBibel – Die Kunst der Feindschaft

Die Kunst der Feindschaft
Gesprochen von Uwe Birnstein

Ich aber sage euch: Liebt eure Feinde und bittet für die, die euch verfolgen, auf dass ihr Kinder seid eures Vaters im Himmel.
Mt 5,44

“Liebet Eure Feinde!” Geht’s noch? Den Schuft, der mir Böses will? Den Idioten, der mich beleidigt, mich verfolgt auf Twitter? Den gewalttätigen Neonazi oder Islamisten oder Vergewaltiger, dem ich doch Einhalt gebieten soll? Alle umarmen im Namen des gütigen Kuschelgottes?

Wenn es um die Feindesliebe geht, ist die Heuchelei nicht weit. Klar, die Christen lieben die Sünder und die Bösen, wenn man sie fragt, mit der großen Geste des moralisch Überlegenen und der feinen, gut gesetzten Stichelei inmitten der ganzen Verzeihenssoße. Friedrich Niezsche hielt das Gebot der Feindesliebe für unterschwellig gewalttätig; es versuche, den Anderen zu zwingen, von der Feindschaft abzulassen, es raube der Welt die Kraft, die aus einer guten Feindschaft wachse.

Dabei heißt Feindesliebe zuerst einmal zu akzeptieren, dass man das überhaupt hat: Feinde und Feindschaften. „Ich habe keine Feinde“ – das ist das Konstrukt des perfekt funktionierenden und überall beliebten Wesens mit tendenziell unendlich vielen Facebook-Freundschaften. Dabei sind Feindschaften unvermeidlich. Wer entscheidet, wählt das eine und verwirft das andere; wer unterscheidet, benennt Richtig und Falsch. Immer bleibt einer, eins auf der Strecke, ist auf der anderen Seite. Immer gibt es eine Gegnerschaft und oft die harte Form dieser Gegnerschaft: die Feindschaft. Sie kann aus Missverständnissen und Kommunikations-Pannen entstehen. Sie kann aber auch christlich geboten sein. Es gibt Taten, Haltungen und Meinungen, die der Botschaft Jesu feind sind, Jesus selber hat das so gesagt.

Feindesliebe heißt: Einen Feind zu haben, einer Feindschaft nicht auszuweichen- und doch den Feind als Mensch zu achten, seine Würde zu schützen, auch in der härtesten Auseinandersetzung eine Tür offen zu halten, auch wenn sie zum Einfallstor für den Feind werden könnte. Es ist eine Kunst der Feindschaft ohne Hass, die von zwei Seiten bedroht ist: von der harmonieseligen Unfähigkeit zu Konflikt und Unterscheidung und vom Willen zur Delegitimierung und Vernichtung des Andersdenkenden, der gerade die Kultur vergiftet. Die Feindesliebe lässt einen herabsteigen vom Ross der höheren Moral auf die Augenhöhe des Feindes: Feinde sind wir beide, in dieser Hinsicht ist keiner besser als der Andere. Sie verlangt die Prüfung des Streitgegenstands: Um was geht es – und ist das die Feindschaft wert? Sie relativiert den eigenen Wahrheitsanspruch und sieht die Wahrheit des Anderen.

Kein Mensch kann das immer, jeden Tag und gegenüber Jedermann. Die Feindesliebe trägt strukturell die Überforderung in sich. Aber man könnte ja mal üben, ein bisschen.

Matthias Drobinski, Redakteur bei der Süddeutschen Zeitung, München

Quelle: Evangelische Kirche in Deutschland: Nachrichten ( http://www.ekd.de/rss/editorials.xml)
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