Miteinander im Quartier: Kirche in den Stadtteil öffnen

Menschen eingebettet in soziale Beziehungen

In der Sozialen Arbeit gibt es – vereinfacht – zwei wesentliche inhaltliche Stränge: Um einem/einer Hilfesuchenden in einer konkreten Lebenslage zu helfen, werden Einzelhilfen angeboten, von materieller Hilfe über Beratung bis hin zu Therapie. Im Mittelpunkt steht die/der Hilfesuchende in ihrer/seiner konkreten Notsituation und bedarf für einen (begrenzten) Zeitraum professioneller Unterstützung. Diese Notlage erscheint isoliert und ist mit einem bestimmten Spektrum von Maßnahmen zu bearbeiten.

Demgegenüber steht ein Verständnis einer/s Hilfesuchenden, das diese(n) als integrierten Bestandteil eines ökologischen und sozialen Zusammenhangs sieht. Nach diesem Verständnis ist die/der Hilfesuchende geprägt durch seine sozialen und materiellen Lebensbedingungen, seine Umwelt und die Wohnbedingungen, in denen er/sie lebt. Gleichzeitig ist er/sie aber auch in der Lage, Einfluss auf diese Faktoren auszuüben, Entscheidungen zu treffen und das Leben selbst zu gestalten.

Für die Soziale Arbeit ist die sozialräumliche Orientierung von zentraler Bedeutung, weil auch soziale Probleme einen Raumbezug haben. Das Leben im Sozialraum, in der Nachbarschaft, in der Kirchengemeinde, im Kirchenkreis oder im Stadtteil muss zum Anknüpfungspunkt werden für das Verstehen und Bearbeiten der Belastungen, Krisen und Notlagen der hier lebenden Menschen. Es wird nach Faktoren für Belastungen, aber auch nach Ressourcen zu deren Bewältigung im Sozialraum gefragt. Mit diesem Perspektivenwechsel erweitern sich die Handlungs- und Interventionsmöglichkeiten von der angebotsorientierten, institutionell orientierten Arbeit hin zu Konzepten der Gestaltung von Lebensräumen im Sinne der Menschen. Diese Perspektive sieht die Menschen eingebettet in soziale Beziehungen, Institutionen, Wohnumfeld und Arbeitswelt.

Verbesserung der Lebensbedigungen im Quartier

Sozialer Arbeit geht es um die Bearbeitung sozialer Probleme. Gemeinwesenorientierter sozialer Arbeit geht es um die Verbesserung der Lebensbedingungen in sozialen Räumen, in Nachbarschaften und Quartieren im Sinne der dort lebenden Menschen. Ausgehend von der Erkenntnis, dass Menschen nur bereit sind, sich für etwas zu engagieren, wenn es in ihrem eigenen Interesse ist und sie von der Notwendigkeit überzeugt sind, gilt es herauszufinden, was die Menschen denken und fühlen, was sie als veränderungswürdig ansehen und was sie selber bereit sind zu tun, damit sich etwas verändert.

Gemeinwesenorientierte soziale Arbeit richtet sich ganzheitlich auf den Stadtteil und nicht pädagogisch auf einzelne Individuen. Sie arbeitet mit den Ressourcen des Stadtteils und seiner Bewohner und Bewohnerinnen und fördert Selbstorganisation und Selbsthilfe. Sie orientiert sich an dem, was Menschen bewegt, diese für wichtig erachten, und bearbeitet sie gemeinsam mit ihnen. Sie sucht und fördert die Motivation der Menschen zur Verbesserung ihrer Lebenslage. Sie fördert gebietsbezogene soziale Netzwerke der dort lebenden Menschen. Sie arbeitet nicht nur mit einer Adressatengruppe, sondern übergreifend auch mit denjenigen, die von dem entsprechenden Themenfeld betroffen sind und sich betreffen lassen. Mit dieser Sichtweise ist nicht zwangsläufig ein ausgewiesenes Tätigkeitsfeld ausgedrückt, sondern vielmehr ein Arbeitsprinzip, eine Grundhaltung, ein Blickwinkel, eine bestimmte Form der Herangehensweise an Themen- und Problemstellungen.

Die gemeinwesenorientierte Arbeit bietet das Grundverständnis und das notwendige Methodenrepertoire, um qualitative Beiträge zur Aktivierung, Beteiligung und Selbstorganisation der Menschen im Stadtteil zu leisten – im Sinne diakonischer und kirchengemeindlicher Arbeit. Im Gegensatz zu klassischen Beratungsansätzen Sozialer Arbeit verlagert die sozialräumliche Sichtweise ihr Hauptaugenmerk von Individuen auf deren direkte Lebensumwelt und versucht, auf der Ebene der kleinräumigen, überschaubaren Strukturen – gemeinsam mit den Menschen – Veränderungsprozesse zu erreichen.

Gemeinderäume öffnen

Kirche und ihre Diakonie haben Kontakt zu Lebenswelten vieler Menschen, sie können hierüber das Miteinander im Quartier stärken. Teilhabeorientierung, die Bekämpfung der Folgen von Ausgrenzung und Armut sowie lokale Verankerung gehören zu den Leitlinien kirchlich-verbandlichen Handelns. Kirche und Diakonie sind für die Menschen da – nicht andersherum. Kirchengemeinde und Diakonie müssen sich notwendigerweise auf die Quartiere orientieren, in denen Probleme wachsen, in denen Armut, Arbeitslosigkeit, Perspektivlosigkeit, Wohnungsnot, Überschuldung beheimatet sind. Die Öffnung von Einrichtungen in und für den Stadtteil als niedrigschwellige, verlässliche Kommunikationsräume, zum Beispiel als offener Stadtteilladen, Begegnungshaus oder Stadtteilcafé mit der Förderung von Selbsthilfeformen und -initiativen, kann eine Möglichkeit sein, nützliche Dienstleistungen anzubieten, und reicht bis zur Suche nach Bündnispartnern im Gemeinwesen.

Wie schön kann es sein, wenn in Gemeinderäume (wieder) Leben einkehrt, weil sie offen und ausgerichtet sind auf das, was Menschen aus dem Gemeinwesen bewegt. Dies sind Orte der Identifikation und Teilhabe. Es müssen Räume sein, in denen sich Menschen wohlfühlen können, keine „pädagogische Bearbeitung“ zu befürchten haben und an ihren sozialen Netzen stricken können – ohne an eine Dienstleistung als Gegenleistung gekoppelt zu sein.

Über Milieugrenzen hinweg

Offen sein für Ausgegrenzte und Benachteiligte ist ein zentrales Anliegen des christlichen Glaubens. „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“, heißt es in der Bibel. Dazu gehört auch gesellschaftspolitisches Engagement, um die Rahmenbedingungen für benachteiligte und ausgegrenzte Menschen zu verbessern. In Ansätzen ist in der Praxis eine gemeinwesenorientierte Gemeindeentwicklung wie die Öffnung der Gemeinde für Menschen im Stadtteil oder Gemeindediakonie zu erkennen. Diese gilt es weiterzuentwickeln, nicht zuletzt, um Menschen zu erreichen, die für die Kirche ansonsten verloren gehen – und denen die Kirche ansonsten verloren geht. Eigene Milieugrenzen können überschritten und die Akteure (wieder) zu gefragten zivilgesellschaftlichen Akteuren werden.

Menschen sind zunehmend existentiell auf die Entwicklung und den Aufbau von Netzwerken und Nachbarschaften angewiesen. Die Diakonie und die Kirchengemeinden müssen sich verstärkt in die wohnungs- und arbeitsmarktpolitischen Zieldiskussionen einmischen. Geboten ist eine Öffnung in das soziale und sozialpolitische Gemeinwesen. Gemeinwesenorientierung ist insofern eine zwingende Handlungsebene bei dem Ziel, zum Wohl von Menschen Teil eines tragenden sozialen Netzes zu werden.

Stefan Gillich (für zeitzeichen)


Stefan Gillich ist Abteilungsleiter für Existenzsicherung, Armutspolitik und Gemeinwesendiakonie bei der Diakonie Hessen in Frankfurt am Main.

Quelle: Evangelische Kirche in Deutschland: Nachrichten ( http://www.ekd.de/rss/editorials.xml)
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