Seelsorge für Seeleute

Seine Basis muss Jan Janssen nun Tag für Tag neu suchen: Dann zieht er sich Schuhe mit Stahlkappen an und setzt den Helm auf. Auch muss er einen Rucksack tragen, wenn er in den unendlichen Weiten der Maasvlakte unterwegs ist, um die Seeleute zu besuchen, denn Sicherheit wird großgeschrieben, das heißt, beide Hände müssen frei sein. Wenn Janssen das Schiff und den Kapitän noch nicht persönlich kennt, fragt er zunächst bei der Agentur an, ob er die Crew besuchen darf. In der Regel ist das kein Problem, denn „Seamen’s Mission“ jedweder Couleur hat bei Reedern einen guten Ruf. Penibel wird er dann am Eingang zum Terminal kontrolliert, bevor er den tagesaktuellen Plan des Hafens unter die Lupe nimmt, um zu sehen, wo es überhaupt hingeht.

Ständig ändern sich spontan Liegeplätze, so dass ihm die Mitarbeiter am Eingang auf den Plan malen, wo denn das avisierte Schiff wirklich zu finden ist. Am Ziel angekommen gilt es, das Auto so vor dem Schiff zu parken, dass die Löscharbeiten nicht behindert werden. Aber bloß nicht zu nah an den Vertäuungen, denn wenn sich da was löst, wird es wirklich gefährlich. „Was da an Druck drauf ist, kann man sich kaum vorstellen.“

Stärkere Zusammenarbeit mit der deutschsprachigen Gemeinde

Seemannspastor zu sein ist für Janssen durchaus eine Umstellung: Auf einmal ist er Einzelkämpfer, hat keine Mitarbeitenden, mit denen er alles bedenken und denen er Aufträge erteilen kann, ja, er hat noch nicht einmal Diensträume. Sein Büro befindet sich zurzeit unter dem Dach des kleinen Reihenhauses, das er im Süden Rotterdams bewohnt. Janssen hofft, dass dies auf Sicht anders wird. Er strebt eine stärkere Zusammenarbeit mit der deutschsprachigen Gemeinde in Rotterdam an, aber das ist Zukunftsmusik.

Ganz allein ist Janssen aber nicht, denn ebenfalls genau vor einem Jahr begannen zwei junge Leute ein Freiwilliges Soziales Jahr (FJS) bei der Deutschen Seemannsmission in Rotterdam. Malte Vergin kommt aus Dresden, aber sein Vater stammt aus Leer in Ostfriesland. Nach dem Abitur wollte er woanders hin und am liebsten „irgendetwas an der Küste machen“. Wenn er seinen Großvater in Leer besuchte, sah er die großen Schiffe von der Meyer Werft in Papenburg die Ems hoch Richtung Dollart fahren, schon damals packte ihn die Sehnsucht nach dem Meer und er will Nautik studieren mit dem Berufsziel Kapitän. Deswegen schien ihm ein Jahr bei der Seemannsmission in Rotterdam sinnvoll, um seinem künftigen Arbeitsfeld nahezukommen.

Mit ihm zusammen leistet Talisa Frenschkowski ihr FJS in Rotterdam. Sie stammt aus der hessischen Wetterau, sie möchte Theaterwissenschaften studieren und später auch auf jeden Fall beim Theater arbeiten. In ihrem FSJ aber wollte Talisa ganz bewusst etwas ganz anderes machen und fand unter der Rubrik „Internationale Freiwilligendienste“ auch die Seemannsmission. Zuerst konnte sie sich gar nichts darunter vorstellen, aber: „Es war das Außergewöhnlichste, das mir da ins Auge gesprungen ist.“

Wirkliches Interesse an den Seeleuten

Außergewöhnlich scheint Talisas und Maltes Arbeit auf den ersten Blick nicht: Die beiden 19-Jährigen gehen regelmäßig auf die Schiffe im Cityhafen, der näher an der Stadt gelegen ist. Dort liegen die etwas kleineren Schiffe vor Anker, die, die also „nur“ etwa 150 Meter lang sind und die im Linienverkehr tätig sind, vornehmlich mit Großbritannien. Das heißt, die Schiffe kehren häufig wieder, und Malte und Talisa können nachhaltigen Kontakt zur Crew aufbauen. Am besten zur Mittagszeit „entern“ sie das Schiff, sprechen in der Kantine des Schiffes, die sogenannte Messe, die Seeleute an: „Wie lange seid Ihr schon unterwegs?“ oder „Was ist Eurer nächster Hafen?“. Und die beiden bieten Telefonkarten zum Verkauf an – die sind sehr gefragt, denn das ist die einzige Möglichkeit, dass die Seeleute auf den Weiten der Ozeane Kontakt zur Familie halten.

Nach und nach merken die Seeleute dann, dass diese jungen Leute nicht irgendwelche fliegenden Händler sind, sondern wirklich ein Interesse an ihnen haben, das sonst niemand hat und das nicht kommerzieller Natur ist. So bieten Talisa und Malte ihre Hilfe an, wenn Crewmitglieder etwas aus der Stadt brauchen. Sie machen Besorgungen und bieten auch Fahrten in die Stadt an, auch zu extremen Zeiten, notfalls kurz vor Mitternacht. Es geht nicht anders, denn die Liegezeiten der Tanker sind heutzutage sehr kurz, teilweise nur zwölf Stunden.

Manche Einkaufswünsche sind skurril: Einmal wollte ein philippinischer Seemann ein bestimmtes Sauerstoffspray für Kampfhähne haben. Er habe daheim eine Kampfhahnzucht und verschicke seine Tiere teilweise weit durchs ganze Land, und damit die das überstehen, brauche er das Spray. Die beiden scheuten keine Mühe, bestellten es im Internet und konnten es ihm bringen. Als er dann noch ein spezielles Kreissägeblatt haben wollte, mussten sie leider passen…

Ein besonderes Weihnachtsgeschenk

„Die Mannschaften auf den Containerschiffen bilden perfekt die Dreiklassengesellschaft ab, die auch sonst auf der Welt festzustellen ist“, sagt Jan Janssen. Der Kapitän und die Offiziere seien häufig Nordamerikaner, im Maschinenraum werkeln meist Osteuropäer und die einfachen Mannschaften sind in erster Linie Filipinos, Indonesier oder Inder. Das ist unabhängig davon, unter welcher Flagge das Schiff fährt. Dass es nur deutsche Schiffe sind, die Janssen und sein Team besuchen, liegt schlicht daran, dass für andere Nationalitäten andere Organisationen der Seemannsmission gibt, zum Beispiel aus Skandinavien.

Quelle: Evangelische Kirche in Deutschland: Nachrichten ( http://www.ekd.de/rss/editorials.xml)
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