Öffentliche Ausschreibung – Aufarbeitung sexualisierter Gewalt

Hintergrund und Zweck dieser Ausschreibung

Die evangelische Kirche und die Diakonie stehen in der Verantwortung, Kinder, Jugendliche und erwachsene Schutzbefohlene in besonderer Weise zu unterstützen und ihnen in einem geschützten Rahmen Hilfe anzubieten. Leider gelingt es nicht immer, diesem Schutzauftrag vollumfänglich zu entsprechen, so dass auch in kirchlichen und diakonischen Einrichtungen Fälle von sexualisierter Gewalt vorkommen.

In welchem Ausmaß dies in der Vergangenheit stattgefunden hat und auch heute noch stattfindet, lässt sich anhand von bisherigen Zahlen nicht valide feststellen. Im Zeitraum von 1948 bis 2018 liegen der Evangelischen Kirche in Deutschland Meldungen über rund 600 Fälle aus dem Bereich der Unabhängigen Kommissionen der Landeskirchen vor. Dabei handelt es sich um Betroffene aus dem Heimkontext (etwa zwei Drittel) und um Fälle aus der verfassten Kirche (etwa ein Drittel). Aufgrund der belastenden Erfahrungen fällt es Betroffenen jedoch oftmals sehr schwer, über das Erlebte zu sprechen und sich jemandem anzuvertrauen. Aus diesem Grund ist leider von einer höheren Anzahl von Betroffenen auszugehen. 

Dem Beauftragtenrat zum Schutz vor sexualisierter Gewalt haben die Landeskirchen in der EKD die Aufgabe übertragen, einen Aufarbeitungsprozess zu initiieren und Standards für die Landeskirchen zu erarbeiten. Dazu zählt auch eine unabhängige, wissenschaftliche Aufarbeitung sexualisierter Gewalt im evangelischen Kontext. Diese soll eine Gesamtanalyse evangelischer Strukturen und systemischer Bedingungen enthalten, die (sexualisierte) Gewalt und Machtmissbrauch begünstigen. Eine Dunkelfeldstudie soll im Verlauf das Bild ergänzen. 

Mit Hilfe dieser Untersuchungen sollen realistische Erkenntnisse gewonnen werden und durch das Sichtbarmachen von täterschützenden Strukturen innerhalb der Kirche und der Diakonie elementare Beiträge zur Aufarbeitung sowie zur präventiven Arbeit abgeleitet werden. Dabei soll Betroffenenexpertise einbezogen werden und im Sinne eines partizipatorischen Ansatzes erfolgen. Aus den gewonnenen Ergebnissen werden somit wichtige Beiträge für die Präventions- und Interventionsarbeit sowie für die Bereitstellung individueller Hilfen erwartet. 

Die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) schreibt daher hiermit Forschungsaufträge zur wissenschaftlichen Aufarbeitung sexualisierter Gewalt im evangelischen Kontext aus.
Hinweis:
Die Planung einer Dunkelfeldstudie zur Untersuchung der Häufigkeit von Erlebnissen sexualisierter Gewalt im Verantwortungsbereich der EKD in der Allgemeinbevölkerung wird derzeit separat entwickelt. Daher soll eine solche Dunkelfeldstudie kein Teil der hier ausgeschriebenen Forschungsaufträge sein.

Gegenstand der Ausschreibung

Die Evangelische Kirche in Deutschland lädt Forschungsverbünde zur Antragstellung für das Forschungsvorhaben “Verantwortung und Aufarbeitung” ein. Diese sollen sich interdisziplinär zusammensetzen und auf diese Weise verschiedene für das Forschungsfeld relevante Kompetenzen bündeln (z.B. soziologische, historische, kriminologische, juristische, pädagogische, theologische und psychologische). Die Ergebnisse der Untersuchungen sollen eine hohe Relevanz für die Ableitung von nachhaltigen Strategien zur Prävention, Intervention, Aufarbeitung und für Hilfen nach sexualisierter Gewalt und weiteren Gewaltformen in den Einrichtungen und Strukturen der evangelischen Kirche und der Diakonie in Deutschland haben. 
Die Forschungsverbünde sollen ein Forschungsdesign, das Fragestellungen aus dem folgenden Spektrum von Themengebieten enthält, erarbeiten und umsetzen: 

Welche Kennzahlen zum Ausmaß der Häufigkeit von Übergriffen in evangelischer Kirche und Diakonie lassen sich ermitteln?

  • Welche Risikofaktoren für sexualisierte Gewalt in evangelischer Kirche und Diakonie lassen sich identifizieren? Insbesondere:
    •  Können spezifische Personengruppen und Handlungsfelder als besonders gefährdet eingestuft werden?
    • Lassen sich systemisch bedingte Risikofaktoren finden?
    • Inwieweit haben komplexe Organisationsstrukturen die Taten begünstigt?
    • Gibt es „spezifisch evangelische“ Risikofaktoren (z.B. bestimmte Frömmigkeitsstrukturen oder besondere Beziehungsstrukturen)?
    • Inwieweit gibt es oder gab es täterschützende Strukturen innerhalb kirchlicher oder diakonischer Institutionen?
    • Gibt es gemeinsame (und ggf. unterscheidende) Merkmale der Beschuldigten bzw. der Täterinnen und Täter?
    • Gibt es oder gab es architektonische (räumliche) Risikofaktoren?
  • Wie wurde mit Anzeigen Betroffener oder anderen Tathinweisen umgegangen (sowohl gegenüber der/dem Beschuldigten als auch der/dem Betroffenen)?
  • Wie sind die bisherigen institutionellen Aufarbeitungsprozesse zu bewerten? Wie kann gelingende Aufarbeitung gestaltet werden?
  • Welche Fälle treten in freien Vereinen, Verbänden und Initiativen im Raum der evangelischen Kirche auf?
  • Wie kann die nachhaltige Implementierung von Schutzkonzepten gelingen?

Hinweise, die für die Bearbeitung aller Fragestellungen gelten

  • Besonderes Augenmerk wird auf die Betroffenensensibilität der geplanten Forschungsarbeiten gelegt.
  • Darüber hinaus soll Betroffenenexpertise im Sinne eines partizipatorischen Ansatzes einbezogen werden.
  • Es soll auch das Erfahrungswissen Betroffener in die Untersuchungen einbezogen werden, die sich von der Kirche distanziert haben und daher nicht über kirchliche Institutionen erreichbar sind.
  • Es wird eine differenzierte Betrachtung von verschiedenen Gewaltformen (z.B. sexualisierte, körperliche, emotionale, klerikale) und -schweregraden (z.B. „Graubereiche“, leichtere Grenzverletzungen bis hin zu Gewalttaten) sowie Täter/-innen-Betroffenen-Konstellationen (Gewalt durch Erwachsene, Gewalt durch Peers) erwartet.
  • Es sollen auch genderreflektierende Perspektiven eingenommen werden (z.B. Unterscheidung zwischen Täterinnen und Tätern, weiblichen und männlichen Betroffenen).
  • Die spezifische Kultur und die komplexe Organisationsform der evangelischen Kirche mit ihren 20 eigenständigen Landeskirchen, ihrer eigenständig organisierten Diakonie sowie weiteren eigenständig organisierten Verbänden ist zu beachten. 
  • In Bezug auf Beschuldigte bzw. Täterinnen und Täter sollen nicht nur hauptamtlich Tätige, sondern auch Ehrenamtliche und Peers einbezogen werden. Wo es zielführend erscheint, sollen entsprechende Differenzierungen unterschiedlicher Tätigkeitsfelder vorgenommen werden (z.B. Haupt- und Ehrenamt, unterschiedliche Berufsgruppen). 
  • Schließlich sollte die Konflikthaftigkeit und emotionale Ladung dieses Forschungsfeldes in den Projektanträgen Beachtung finden (z.B. in Form der Berücksichtigung von supervisorischen Prozessen für die Forschenden und/oder Reflexionsräumen). 

Methodische Zugänge und Studientypen

Eine hohe Qualität des methodischen Vorgehens ist eine grundlegende Voraussetzung für die Auftragsvergabe an einen Forschungsverbund. Alle notwendigen Kompetenzen müssen aus den Projektanträgen nachvollziehbar hervorgehen. 
Im Einzelnen sollen folgende methodische Ansätze und Studientypen zur Anwendung kommen (sowie ggf. weitere, dort wo es sinnvoll erscheint):

  • Systematische Literaturübersicht: Welche Erkenntnisse bestehen bereits? Wo sind Erkenntnislücken festzustellen?
    • Zusammenstellung bisheriger Aufarbeitungsberichte und deren Ergebnisse aus dem kirchlichen und diakonischen Bereich.
    • Zusammenstellung und Auswertung von wissenschaftlichen Erkenntnissen zu Risiko- und Schutzfaktoren (und den weiteren o.g. Fragestellungen) bzgl. sexualisierter Gewalt im kirchlichen und diakonischen Bereich und weiteren Bereichen, aus denen eine Übertragbarkeit der Ergebnisse möglich ist (z.B. pädagogische Einrichtungen, Freizeiteinrichtungen allgemein). 
    • Aus den Ergebnissen dieser Übersicht sollen Schlussfolgerungen für die weiteren Studienteile abgeleitet werden (z.B. Spezifizierung von Fragestellungen, Herangehensweisen etc.).
  • Regionale Aufarbeitungsstudien
    • Differenzierte Untersuchung von Risikofaktoren ausgehend von einzelnen sozialen Systemen (z.B. Gemeindeebene, Einrichtungsebene). 
    • Berücksichtigung verschiedener Settings und Populationen von Betroffenen (z.B. Gemeindemitglieder, minderjährige oder erwachsene Teilnehmende von kirchlichen und diakonischen Bildungs- und Freizeitangeboten, Kinder aus Kindertageseinrichtungen, Heimkinder, Pfadfinder, behinderte Menschen, dementiell Erkrankte, in evangelischen Institutionen beruflich Tätige/Auszubildende und weitere Gruppen). Dabei soll eine sinnvolle und nachvollziehbare Schwerpunktsetzung stattfinden, die vertiefte Analysen ermöglicht.
    • Einsatz gleicher oder vergleichbarer Methoden in allen Regionen/Systemen, die eine spätere Zusammenführung der Ergebnisse erlaubt. Dies kann z.B. Analysen von Personal- und Disziplinarakten sowie der Dokumentation der Unabhängigen Kommissionen beinhalten, aber auch qualitative Interviews mit Betroffenen, Zeitzeugen, Angehörigen, Beschuldigten und TäterInnen, sowie ggf. weiteren Personengruppen. 
    • Die Durchführung der Aufarbeitungsstudien erfolgt möglichst in fünf regionalen Studien. Dabei schließen sich benachbarte Landeskirchen zusammen. 
  • Zusammenführung der Ergebnisse aus den regionalen Aufarbeitungsstudien auf EKD-Ebene:
    •  Ableitung von Empfehlungen für nachhaltige Präventions-, Interventions- und Aufarbeitungskonzepte sowie für die Unterstützung individueller Aufarbeitungsprozesse. Die Empfehlungen sollten sowohl inhaltliche Elemente als auch zu berücksichtigende Rahmenbedingungen (z.B. Dauer der jeweiligen Prozesse, Einbezug des sozialen Nahfeldes) benennen. 

Verantwortlichkeiten und Finanzierung

Aufgrund der Organisationsstrukturen der evangelischen Kirche sollen die drei im vorherigen Abschnitt beschriebenen Studienteile wie folgt auf der Basis separater Verträge vergeben werden: Sowohl die systematische Literaturübersicht als auch die Zusammenführung der Ergebnisse aus den regionalen Aufarbeitungsstudien auf EKD-Ebene werden im Auftrag der EKD stattfinden, dementsprechend separat mit dieser vertraglich vereinbart sowie durch die EKD finanziert. Die regionalen Aufarbeitungsstudien werden im Auftrag der einzelnen sich beteiligenden evangelischen Landeskirchen stattfinden (ggf. teilweise mit Zusammenschlüssen mehrerer Landeskirchen), entsprechend mit diesen vertraglich vereinbart sowie durch diese finanziert. 
Trotz dieser organisatorischen Teilung werden Konzepte für das Gesamtforschungsvorhaben präferiert, die alle drei Studienteile umfassen. Prinzipiell ist auch die Auftragsvergabe für einzelne Studienteile möglich, sofern die Bereitschaft zur engen Verzahnung mit den weiteren Teilprojekten besteht. 

Voraussetzungen für Antragstellende

Die antragstellenden Forschungsverbünde können Mitglieder von Hochschulen, Fachhochschulen und/oder außeruniversitären wissenschaftlichen Einrichtungen umfassen. Es muss eine Projektleitung auf der Ebene des gesamten Verbundes sowie eine Projektleitung für jedes Teilprojekt benannt werden. Die verschiedenen Beteiligten eines Projektverbunds schließen untereinander eine schriftliche Kooperationsvereinbarung ab.  
Es werden einschlägige wissenschaftliche Vorerfahrungen in Bezug auf die jeweiligen Fragestellungen erwartet, die in dem Antrag für das Forschungsvorhaben dargestellt werden müssen.
Die beteiligten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler verpflichten sich zur Einhaltung von nationalen und internationalen Standards wissenschaftlicher Forschung bei der Planung, Durchführung und Auswertung des Forschungsvorhabens. Eine entsprechende Verpflichtungserklärung unter Nennung der jeweiligen Standards ist der Vorhabensbeschreibung beizufügen. 
Ein Ethikvotum ist vor der Aufnahme der Forschungsaktivitäten zügig einzuholen. 

Dauer und Umfang der Forschungsaufträge

Das gesamte Forschungsvorhaben soll in einem Zeitraum von bis zu drei Jahren umsetzbar sein. 
In die Kostenkalkulation können Personalmittel sowie für die Umsetzung notwendige Sach- und Reisemittel eingeplant werden. 

Prozedere der Antragstellung und der Begutachtung
 

Vorgaben für die Vorhabensbeschreibung: 
Die Antragstellung erfolgt im Rahmen eines einstufigen Verfahrens in Form einer ausführlichen Vorhabensbeschreibung (Forschungsdesign), in der folgende Punkte berücksichtigt werden müssen:

  •  Anschreiben inkl. Unterschriften aller (Teil-)Projektleiterinnen und (Teil-)Projektleiter zur Bestätigung der Richtigkeit aller Angaben
  • Kurze Zusammenfassung des Gesamtvorhabens (Abstract mit folgender Gliederung: 1.) Ziele 2.) Methoden, 3.) erwartete Ergebnisse; max. 1 Seite)
  • Beschreibung des geplanten Forschungsverbundes/Konsortiums, mit folgenden Angaben:
    • Benennung der beteiligten wissenschaftlichen Institutionen sowie der beteiligten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler inkl. Kontaktdaten
    • Titel und Kurztitel (oder Akronym) des Vorhabens
    • Studienziele, Fragestellungen und Kurzbeschreibung
    • Beschreibung der Struktur des geplanten Forschungsverbundes, inkl. Planung der Koordination, Zusammenarbeit und Kommunikation
    • Darstellung der einschlägigen Vorarbeiten der Beteiligten
    • Offenlegung möglicher Interessenkonflikte
    • Geplante Dauer
    • Summe der berechneten Kosten
  • jeweils eine Beschreibung der geplanten Teilprojekte:
    • je eine Übersichtseite für jedes Teilprojekt mit folgenden Angaben (1 Seite):
      • Benennung der beteiligten wissenschaftlichen Institutionen sowie der beteiligten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler
      • Studienziele, Fragestellungen und Kurzbeschreibung
      • geplante Dauer
      • Summe der berechneten Kosten
  • je eine detaillierte Beschreibung der Teilprojekte, mit Angaben zu folgenden Aspekten:
    • Ziele und Fragestellungen
    • Relevanz
    • Detaillierte Beschreibung des methodischen Vorgehens und der geplanten Analysen
    • Interdisziplinarität 
    • Betroffeneneinbezug und Betroffenensensibilität
    • Genderaspekte
    • Datenschutz und ethisch-rechtliche Gesichtspunkte
    • Arbeits-/Zeitplanung (inkl. Benennung von Meilensteinen und grafischer Darstellung)
    • Detaillierte und strukturierte Finanzplanung
  • Lebensläufe der beteiligten Projektleiterinnen und Projektleiter (je max. 1 Seite)

Zu beachten sind folgende Formatierungshinweise:

  • Max. 20 Seiten (exkl. Anschreiben, Referenzen und Lebensläufe), Schriftgröße 11, 1.15-facher Zeilenabstand, Seitenrand 2 cm
  • Literaturangaben sind als nummerierte Referenzen (Vancouver citation style) anzugeben

Unvollständige, von diesen Vorgaben abweichende oder nicht fristgerecht eingehende Anträge können von der Begutachtung ausgeschlossen werden. 

Rückfragen zur Antragstellung können an das Kirchenamt der EKD (Elfriede Abram, elfriede.abram@ekd.de, 0511 – 27 96 254) gestellt werden.
Die Anträge sind ausschließlich elektronisch an die EKD, Kirchenamt, z. H. Frau Lina Knauer zu richten (lina.knauer@ekd.de).
Ausschreibungsende ist der 15. Januar 2020, 24.00 Uhr. Danach wird ein Expertengremium die Anträge begutachten. Dieses behält sich vor, Nachfragen an die Antragstellenden zu stellen, Anregungen zu Veränderungen in den Vorhabensbeschreibungen zu geben sowie die Auftragsvergabe für nur einzelne Teile des Projektvorhabens vorzuschlagen. Der avisierte Start der Forschungsaufträge ist Juli 2020. 

Evangelische Kirche in Deutschland
Herrenhäuser Straße 12
30419 Hannover
 

Quelle: Evangelische Kirche in Deutschland: Nachrichten ( http://www.ekd.de/rss/editorials.xml)
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