DDR-Untergrundpresse mit ökumenischen Wurzeln

„Meine Motivation war, mich aus dieser geistigen Zwangskollektivierung zu befreien“, sagt Sauermann, der heute Propst in Mecklenburg ist. Seine Versuche, an seiner Schule und an anderen Orten offen über die Zustände in der DDR zu reden, hätten dazu geführt, dass er ausgegrenzt wurde. Unter den Machern der „radix-blätter“ habe er endlich interessierte Gesprächspartner gefunden.

Papier war in der DDR Mangelware. Wo auch immer die Redaktionsmitglieder in einem Schreibwarenladen welches sahen, griffen sie zu und beschafften sich den Rest auf teils abenteuerlichen Wegen. Auch die Vorräte der katholischen Geheimdruckerei durften sie nutzen. Dirk Sauermanns Job im Keller bestand darin, das Papier an einer Schneidemaschine ins richtige Format zu bringen. Musste sein Werkzeug mal geschliffen werden, brachte er es heimlich in die Druckerei, wo auch das SED-Zentralorgan „Neues Deutschland“ produziert wurde. Er hatte so seine Kontakte. Hätte die Staatssicherheit ihn oder seine Mitstreiter erwischt, wären sie sicher inhaftiert worden.

Auf konspirativem Weg unters Volk gebracht

Da die „radix-blätter“ Auflagen von bis zu 25.000 Stück erreichten, hatte Dirk Sauermann alle Hände voll zu tun. Er lud das Papier in einen „Trabant“, den die Redaktion vom evangelischen Theologen Manfred Stolpe geliehen hatte. Sauermann lenkte die „Rennpappe“, wie das Fahrzeug in der DDR liebevoll genannt wurde, nach Berlin-Kaulsdorf. In der Ferdinandstraße 4 wurde die Zeitschrift heimlich gedruckt.

Die Oppositionellen Charlotte und Peter Bickhardt hatten der Redaktion dafür ein kleines Zimmer zur Verfügung gestellt, das an ihr Schlafzimmer grenzte. Hier wurden in vier Jahren sagenhafte 120.000 Blätter bedruckt. Anschließend wurden die „radix-blätter“ auf konspirativem Weg unters Volk gebracht. „Leute aus anderen Städten kamen, zahlten uns hundert DDR-Mark und luden sich ihren Rucksack voll“, erzählt Stephan Bickhardt, Sohn von Charlotte und Peter und ebenfalls evangelischer Theologe. Die Zwischenhändler verkauften das Blatt weiter – für fünf bis zehn DDR-Mark je Exemplar. Davon wurden die Produktionskosten bestritten. „Wir fuhren auch zu Kirchentagen, auf mobile Friedensseminare nach Mecklenburg und zu anderen Veranstaltungen“, sagt Bickhardt. Die „radix-blätter“ wurden in der Kirche, in Familien und unter Freunden weitergereicht.

Autoren mit Klarnamen

136 Autorinnen und Autoren schrieben von 1986 bis 90 für das Blatt. Sie veröffentlichten Berichte, Essays und Interviews, Gedichte und Aufrufe – eine ganze Bandbreite an Textsorten. Künstler illustrierten die Zeitschrift, die sorgfältig redigiert und aufgemacht war. Thematisch hatten es die „radix-blätter“ in sich. Hier konnte man Artikel über Probleme lesen, die in den offiziellen DDR-Medien zumeist totgeschwiegen wurden – über die Umweltzerstörung, über Ausländerhass und Neonazis im „Arbeiter- und Bauernstaat“, über die unabhängige polnische Gewerkschaft Solidarność.

Quelle: Evangelische Kirche in Deutschland: Nachrichten ( http://www.ekd.de/rss/editorials.xml)
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