Kurschus: Deutsch-polnische Beziehungen sind „unerlässlicher Beitrag zur Versöhnung in Europa“

…und als zweites?

Kurschus: In einem zweiten Schritt wird es darauf ankommen, die zurückliegenden Kapitel unserer gemeinsamen Geschichte wirklich gemeinsam zu betrachten und gemeinsam zu erzählen: Aus der je eigenen Perspektive, im Hören auf die Perspektive des anderen. Hier ist schon viel geschehen, vor allem die Kirchen haben dazu wesentlich beigetragen. Und: Es gibt noch viel zu tun, wie die aktuelle politische Lage zeigt. Was an wechselseitigem Verständnis bereits wachsen konnte, bleibt ein kostbares und zerbrechliches Gut. Es bedarf der weiteren sorgfältigen Pflege durch kontinuierliche Begegnungen und Gespräche.

Was ist für eine gemeinsame Zukunft wichtig?

Kurschus: Schließlich braucht es neben dem gemeinsamen Erinnern an das, was war, den gemeinsamen Blick nach vorn. Es liegen Aufgaben vor uns, die wir nur gemeinsam angehen können: Etwa die Verteidigung der Demokratie und der Menschenrechte; die Sorge um Chancen- und Verteilungsgerechtigkeit in der EU; der konsequente Einsatz für weltweite Klimagerechtigkeit; ein abgestimmtes Agieren im Blick auf Migration.

Wie bewerten Sie die sogenannte „Ostdenkschrift“ der EKD von 1965?

Kurschus: Die „Ostdenkschrift“ der EKD war und bleibt in ihrem Mut, die Dinge klar und differenziert beim Namen zu nennen, ein wichtiger Meilenstein in den deutsch-polnischen Beziehungen. Sie bezeichnet die Vertreibung der Deutschen aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten als „schweres Unrecht“ und kritisiert den schwierigen Integrationsprozess im Westen. Zugleich macht sie kein Hehl daraus, dass die Ursache für die Vertreibung der von Deutschland begonnene Zweite Weltkrieg war. Hieraus ergibt sich laut Denkschrift, dass „die Bereitschaft, Folgen der Schuld zu tragen und Wiedergutmachung für begangenes Unrecht zu leisten, ein wichtiger Bestandteil deutscher Politik und gegenüber unseren östlichen Nachbarn sein muss“.

Schließlich wirft das Papier den Blick nach vorn auf eine „anzustrebende internationale Friedensordnung“ und stellt klar: Diese „ist ohne Wahrheit und Gerechtigkeit, ohne Berücksichtigung berechtigter Interessen und ohne den Willen zum Neuanfang auf der Grundlage der Versöhnung nicht denkbar“. Auf diese Weise führt die „Ostdenkschrift“ Versöhnung als leitende Kategorie in die Politik ein und schlägt damit einen neuen Grundton für die zukünftige Ostpolitik der Bundesrepublik Deutschland an. Das kann gar nicht hoch genug gewürdigt werden.

Was beeindruckt Sie heute noch an dem Dokument?

Kurschus: Mich fasziniert immer wieder, wie sorgfältig die Ostdenkschrift argumentiert. Ein Beispiel: Wo sie sich dafür ausspricht, „einen Ausgleich zu suchen, der eine neue Ordnung zwischen Deutschen und Polen herstellt“, fällt der seelsorglich sensible wie politisch kluge Satz: „Damit wird nicht gerechtfertigt, was in der Vergangenheit geschehen ist, aber das friedliche Zusammenleben beider Völker für die Zukunft ermöglicht.“

Quelle: Evangelische Kirche in Deutschland: Nachrichten ( http://www.ekd.de/rss/editorials.xml)
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