Der Weg über die Neiße ist kurz: Zum Gottesdienst mal eben rüber

Grenzland ohne Grenze

Mit der Wende in Polen und in der DDR und der Wiedervereinigung öffnete sich die Grenze zwischen Deutschland und Polen Stück für Stück. Mit dem Beitritt Polens zur Europäischen Union und zum Schengenraum 2004 hat sich das Zusammenwachsen noch beschleunigt. Inzwischen ist die Grenze vor allem in den Köpfen der Jungen praktisch nicht mehr existent. Daran, dass da etwas ist, erinnern nur noch die rot-weißen und schwarz-rot-goldenen Grenzpfähle. Und der Zoll kontrolliert von Zeit zu Zeit die Autofahrer, die aus dem polnischen Gubin kommen.

Ein Grenzland ohne Grenze – das hat viele Vorteile und erleichtert das Zusammenfinden von Menschen aus zwei Kulturkreisen: Polnische Familien arbeiten im Heimatland und erwerben Grundstücke in Deutschland. Und die polnischen Kinder besuchen die deutschen Schulen. Auch die Christen profitieren davon: Protestanten und Katholiken praktizieren Begegnungen und Austausch auf vielen Ebenen.

Vier deutsch-polnische Euroregionen

Agnieszka Jacob bestätigt: „Die Deutschen und die Polen machen viel zusammen.“ Sie muss es wissen, denn die 37-Jährige arbeitet bei einer der vier deutsch-polnischen Euroregionen, „Pro Europa Viadrina“, mit Sitz in Frankfurt an der Oder. Guben gehört zur Euroregion Spree-Neiße-Bober. Und dann sind da noch Pomerania ganz im Norden sowie in Sachsen Neiße-Nisa-Nysa.

Die Euroregionen sorgen nach Einschätzung aller Akteure dafür, dass sich die Menschen noch immer näherkommen. „Eine Grenze ist etwas Fremdes“, fasst es Armand Adamczyk, stellvertretender Geschäftsführer von Pro Europa Pomerania, zusammen. Sein Kollege Carsten Jakob, Geschäftsführer der Euroregion Spree-Neiße-Bober, zu der auch Guben als sogenannte Euromodellstadt gehört, hebt die vielen soziokulturellen Projekte hervor.

Ein größeres Projekt: Der Wiederaufbau der Gubener Stadtkirche

Davon profitiert allem Anschein nach auch der Austausch der Christen im Grenzland, vor allem im Bereich der Kirchenmusik. Gleichwohl ist in vielen Bereichen noch Luft nach oben. Beispiel Ökumene: In diesem Bereich finde die deutsch-polnische Begegnung „in erster Linie über die Geistlichen, weniger über die Gemeindemitglieder statt“, hat Pastorin Piatkowski-Oh beobachtet. Um den ökumenischen Austausch zu forcieren, würden die polnischen Pfarrer und ihre deutschen Brüder immer wieder zu kirchlichen Festen und Veranstaltungen wie dem „Kreuzweg“ einladen. Wo jedoch die Menschen erst einmal angefangen hätten, etwas Gemeinsames zu bewegen, entwickele sich vieles als Selbstläufer.

Neben vielen kleinen Aktivitäten gibt es auch einige größere Projekte. Dazu zählt auch das Bemühen um den Wiederaufbau der im Januar 1945 zerstörten Gubener Stadtkirche. Sie steht heute auf der polnischen Seite, doch im Förderverein „Stadtkirche Gubin“ engagieren sich Menschen beider Länder Hand in Hand. Vorsitzender des Vereins ist Günter Quiel. Für ihn ist der Einsatz über die Neiße hinweg das beste Zeichen dafür, „dass es nur gemeinsam geht.“ Ziel ist es, einen Ort der Kultur und Begegnung zu schaffen.

Krankenhaus für polnische und deutsche Patienten

Eine herausgehobene Stellung für Guben und Gubin beziehungsweise die Entwicklung dieses Landstrichs hat das Naemi-Wilke-Stift. Es wurde im Jahr 1878 vom Gubener Hutfabrikanten Friedrich Wilke und seiner Frau Sophie als Privatstiftung gegründet, nachdem ihre Tochter Naemi an Typhus gestorben war. Heute ist das Krankenhaus als Stiftung der Selbstständigen Evangelisch-Lutherischen Kirche (SELK) anerkannt und pflegt diverse Kontakte nach Polen.

Vor allem im Rahmen des EU-Programms „Interreg 5a“ versuchen die Verwaltungen, das Krankenhaus für polnische und deutsche Patienten gleichermaßen zu etablieren. Der zum Jahreswechsel ausgeschiedene langjährige Rektor Stefan Süß und sein Nachfolger Markus Müller geben die Losung „Gesundheit ohne Grenzen“ aus. Hintergrund: Gubin hat sein Krankenhaus geschlossen. Auf der anderen Seite ist das Naemi-Wilke-Stift eigentlich viel zu groß dimensioniert. Es wurde für 42.000 Einwohner ausgelegt. Inzwischen jedoch leben in der einstigen Grenzstadt nur noch knapp 20.000 Menschen.

Menschen aus zwei Ländern, zwei Kulturen und zwei Religionen

Das Schwierige bei der Umsetzung als grenzübergreifendes Projekt seien die unterschiedlichen Verwaltungsstrukturen und Abrechnungssysteme in Deutschland und Polen, machen der alte und neue Rektor klar. Deutschland sei beispielsweise föderalistisch, Polen zentralistisch organisiert. Bei der Umsetzung des Ziels einer grenzübergreifenden Gesundheitsversorgung soll es im Rahmen des Interreg-Programms eine wissenschaftliche Begleitung geben. Der erste Schritt zu mehr Gemeinsamkeit ist die Etablierung der Zweisprachigkeit.

So freuen sich alter und neuer Rektor, dass zum Beispiel die angebotenen Polnischkurse bei den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern gut ankommen. Für dieses Jahr sind weitere Angebote in der Planung.

Über die Bemühungen um die Gesundheitsregion hinaus werden unter dem kirchlichen Dach schon jetzt Patienten von drüben behandelt. Wo es sprachlich hapert, helfen Menschen wie Anna Wrobel. Sie ist deutsch-polnische Gesundheitskoordinatorin des Naemi-Wilke-Stifts. Sie bezeichnet sich als „Grenzgängerin“. Wrobel lebt mit ihrer Familie in Gubin, doch die Kinder besuchen eine der Kindertagesstätten beziehungsweise Schulen in Guben. Es sei sehr spannend zu sehen, wie Menschen aus zwei Ländern, zwei Kulturen und zwei Religionen zusammenfinden. Was das Thema Sprache angeht, so findet Wrobel: „Wenn man betet, muss man nicht alles verstehen.“

Quelle: Evangelische Kirche in Deutschland: Nachrichten ( http://www.ekd.de/rss/editorials.xml)
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