Schmerz mit Versöhnung begegnen

„Nach Murambi musst du zuerst, damit du uns verstehst“

Die Gespräche im Geländewagen auf dem bergigen Weg in den Süden, in die Universitätsstadt Huye, knapp drei Stunden für 126 km, konfrontieren mich mit der anderen Wirklichkeit: Liane, junge Dozentin für Entwicklungsfragen an unserer Protestantischen Universität, zeigt mir Familienfotos in ihrem I-Phone. Sie leitet ein mit den Worten: „You should understand.“ Ziemlich am Anfang kommt ein Schwarzweißbild mit dem Vater etwa von 1992, der sie als Kind auf dem Arm hält. „Das war kurz davor“, sagt sie mit der für Ruanda sprichwörtlichen leisen Stimme. „Dann ist er ermordet worden“, und mit ihm eine Million Menschen in Ruanda zwischen April und Juni 1994. Rund drei Millionen waren ins benachbarte Ausland geflohen, vor allem nach Uganda, Tanzania, Kenia. Auch weil Liane alles mit dem Vater gesehen hat, weil sie sich erinnert an den Anblick der Ermordeten an den Straßen und in den Flüssen, könne sie häufig nachts nicht schlafen. Wenn sie davon heute zuhause erzählt, würde es die junge Familie belasten, fügt sie hinzu. Dann frage ich unseren Fahrer – nein, wir waren alle in Uganda, sagt er, aber viele Verwandte sind seit Frühjahr 1994 nicht mehr.

Kurze Zeit später besuche ich Murambi in der Nähe von Huye, eine bedeutende Nationale Gedenkstätte. Viele meiner ersten Begegnungen endeten im Gespräch so: „Nach Murambi musst du zuerst, damit du uns verstehst.“ Über 30.000 Menschen sind hier in einer Aprilnacht 1994 umgebracht worden, zwischen 2 Uhr nachts und 11 Uhr vormittags – auf dem Gelände einer gerade fertiggestellten Secondary School. Dorthin waren sie, vor allem Tutsis, gebracht worden mit den Worten: „Hier seid ihr sicher.“ Parastaatliche Hutu-Milizen hatten auf den umliegenden Hügeln Position bezogen, um „ganze Arbeit“ zu leisten – angefeuert über die Radiosender. Einige konnten sich in eine Kirche in einem Nachbardorf flüchten, wurden jedoch aufgespürt. Es begann mit dem Hass in den Worten, mit der verheerenden Rhetorik, erfahre ich durch einen Freund: „Ja, die rasant wachsende Hasspropaganda über die Radiosender und über die Presse, die öffentlich plakatierten Gewaltaufrufe gegen die Tutsis und gegen die versöhnlich gestimmten, gemäßigten Hutus haben wesentlich zum Völkermord beigetragen.“

„Zusammenleben müssen – nach einem und trotz eines Genozids“

Der Konflikt geht auf eine soziale Hierarchie zurück, die von den Kolonialverwaltungen – zuletzt der belgischen (1918–1962) – rassistisch aufgeladen wurde und auch von Missionaren gebilligt worden war: Sie alle unterstützten zunächst die kleine Tutsi-Elite und anschließend die „Emanzipation“ der Hutus. Bis heute bleibt ein verhängnisvoller Fehler, dass die europäischen UN-Truppen zu 90 Prozent abzogen, als der Genozid begann. Zurückgekehrt ins Gästehaus unserer Universität, empfängt mich Francoise, die Hausmutter. Sie wollte wissen, wie ich den Besuch in Murambi empfunden habe, den Anblick der mumifizierten Körper, besonders der Mütter mit ihren Kindern im Arm. Ich lenkte ab, hatte sie doch seinerzeit ihren Mann verloren, der zwei Jahre zuvor seine erste Gemeindepfarrstelle angetreten hatte. So fragte ich nach dem Bild ihres Mannes, und sie zeigt es mir: „Das ist das einzige, das ich retten konnte. Sie haben das ganze Haus verwüstet.“ Und beschwörend fügt sie hinzu: „Versöhnung brauchen wir, auch wenn es schwer wird, damit wir als Nachbarn in den Dörfern gemeinsam leben können. Zumal in unserem kleinen Land.“

Bewundernswert erscheint mir, mit welcher Geschwindigkeit der Versöhnungsprozess in Ruanda einhergeht mit politischer Konsolidierung. Manche sprechen zurückhaltender von „peaceful cohabitation“. Wesentlich dazu beigetragen haben die traditionellen Versammlungsgerichte auf kommunaler Ebene, genannt „Gacaca“, was in Kinyarwanda – der Sprache Ruandas – soviel bedeutet wie Graswurzel-Versammlung. Die Installierung der Gacaca-Versammlungen auf örtlicher Ebene im Jahre 2001 hatte mehrere Gründe: Das internationale Kriegsverbrechertribunal in Arusha, Tanzania, war ins Stocken geraten. Mutmaßliche Mörder saßen zu Zehntausenden in den ruandischen Gefängnissen – oder waren untergetaucht. Um der Zukunft des Landes willen bedurfte es einer Kombination von juristischer Aufarbeitung und beschleunigter Versöhnungsarbeit in den Dörfern und Städten. Ziel von Gacaca war, die Schuld klar zu benennen und Opfer und Täter so miteinander zu konfrontieren, dass sie anschließend wieder Haus an Haus leben können. Ohne Illusionen, aber im Alltag nachbarschaftlich. Besorgungen und das tägliche Wasserholen als Nachbarschaftshilfe werden gerne als Beispiele angeführt. Die Gacaca-Gerichte haben auf eine „entsetzliche Zwangslage“ geantwortet: „Zusammenleben müssen – nach einem und trotz eines Genozids“ (Esther Mujawayo). Kaum können wir uns in die Lage derer versetzen, die mit den Mördern ihrer Familienmitglieder Tür an Tür leben.

Massaker in Kirchen, wo Priester und Pfarrer Komplizen waren

Den Kirchengemeinden kommt dabei eine Schlüsselrolle zu, auch wenn sie im Genozid durch „implizite Komplizenschaft“ (Tharcisse Gatwa) Schuld auf sich geladen haben. Etliche Massaker fanden in Kirchen statt, wo Priester und Pfarrer auch Komplizen waren. Da die katholische Kirche in der Bevölkerung breit verankert und in der belgischen Kolonialzeit zeitweise Staatsreligion war, traf sie eine noch größere Verantwortung. Auch die evangelischen Partnerkirchen in Deutschland legten 1996 ein Schuldbekenntnis ab, dass sie in ihrer Missionsarbeit in Ruanda zu Feindseligkeiten zwischen Hutus und Tutsis beigetragen hätten. Viele ruandische Kirchengemeinden – gleich welcher Konfession – kümmern sich heute vor allem um die Genozid-Witwen, die trotz unfassbarem Leid ohne staatliche Zuwendungen ihre Kinder aufgezogen haben.

Quelle: Evangelische Kirche in Deutschland: Nachrichten ( http://www.ekd.de/rss/editorials.xml)
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