EKD-Jahresempfang in Berlin: „Es ist Zeit für Deutschland, sich zu besinnen“

Bedford-Strohm wirbt in seiner Johannisrede für eine christliche Identität, die Grenzen überwindet

An die identitätsstiftende Bedeutung von Kirchen hat der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm, in seiner Rede anlässlich des Johannisempfangs der EKD in der Französischen Friedrichstadtkirche am 26. Juni in Berlin erinnert. „Die vielen Kirchen in den Dörfern und Städten überall im Land stehen für Heimat und Identität“, so Bedford-Strohm. Kirchbauten seien „Schätze der Vertrautheit, die unsere Identität gerade in unsicheren Zeiten stärken und stützen“. Sie dürften aber nicht als Bollwerke eines „christlichen Abendlandes“ gegen andere Religionen oder Kulturen fehlinterpretiert werden. Ihre kulturelle Bedeutung liege vielmehr dort, wo die „Menschenfreundlichkeit Gottes zum kritischen Korrektiv und orientierenden Stachel für unsere Gegenwart“ zur Geltung komme: „Die Form von Identität und Heimat, die sich aus der christlich-jüdischen Tradition speist, taugt deswegen nicht als Mittel der Ausgrenzung, sondern sie ist Ausstrahlungsquelle einer Liebe, die Grenzen nicht aufrichtet, sondern überwindet“, so der Ratsvorsitzende. „Im Angesicht eines solchen Gottes kann der in diesen Monaten wieder ertönende Ruf nach Identität durch Abgrenzung nur als Ausdruck einer tiefen inneren Heimatlosigkeit erscheinen. Unsere Heimat ist zu kostbar, als dass wir die Rede über sie denen überlassen, die im Herzen eine tiefe Heimatlosigkeit tragen.“

In seiner Rede zum Thema „ ‚…und ich werde bleiben im Hause des Herrn immerdar‘ (Psalm 23). Identität und Heimat – eine christliche Ortsbestimmung“ benannte er auch gegenwärtige Herausforderungen, die sich aus einem Verständnis von Kirche als öffentlicher Kirche in der Zivilgesellschaft ergeben: „Das aktuelle Thema der Seenotrettung im Mittelmeer ist dafür ein dringliches Bewährungsfeld. Das tatenlose Zuschauen oder Verdrängen des Ertrinkens von 3.000 Menschen im Mittelmeer in den vergangenen achtzehn Monaten, ist eine Herausforderung für unsere Identität. Wer sind wir, dass wir das geschehen lassen?“ Verbrecherische Schlepperbanden dürfe man nicht dadurch bekämpfen, dass man unterlassene Hilfe beim Ertrinken von Menschen als Abschreckungsmittel einsetze oder gerettete Flüchtlinge in menschenverachtende Lager ins Bürgerkriegsland Libyen zurückschicke, so Bedford-Strohm.

Ebenso wandte sich der Ratsvorsitzende gegen eine Verrohung der öffentlichen Diskurskultur. „Der Mord an dem Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke ist ein Ereignis, das uns aufrütteln muss. Niemand kann jetzt mehr den Rechtsextremismus verharmlosen. Und niemand kann mehr den Zusammenhang zwischen verbaler Gewalt in den sozialen Netzwerken und verbrecherischer physischer Gewalt leugnen“, so der Ratsvorsitzende. „Es ist Zeit für Deutschland, sich zu besinnen. Und christliche Grundorientierungen, die unserem Land gutgetan haben, neu zu entdecken.“

Bedford-Strohm würdigte in seiner Johannisrede aber auch diejenigen, die sich 30 Jahre nach der friedlichen Revolution in der DDR trotz Enttäuschungen und Belastungen nicht in ihrem gesellschaftlichen Engagement beirren lassen. „Wir Christinnen und Christen wollen dazu helfen, dass wir in unserem Land 30 Jahre nach der Friedlichen Revolution aus einer Identität leben dürfen, die von Verletzungen und Enttäuschungen zu sprechen wagt, und die genau dadurch Vergebung und Neuanfang ermöglicht. Einer Identität, die dankbar auf das Gelungene schaut und den Segen spürt, der darin zum Ausdruck kommt. Die aber auch das Liegengebliebene, Unvollendete, Übersehene thematisiert und genau daraus die Kraft zur Veränderung gewinnt.“

Der Einladung des Bevollmächtigten des Rates der EKD zum Jahresempfang am Berliner Gendarmenmarkt waren zahlreiche Gäste aus Politik, Kirchen, Kultur und Wirtschaft gefolgt, darunter auch Bundeskanzlerin Angela Merkel.

Im Vorfeld des Empfangs hatte der Ratsvorsitzende vor Journalistinnen und Journalisten auch die jüngste Entwicklung auf der „Sea-Watch 3“ kommentiert. Dort hatte die Kapitänin entschieden, mit 42 Migranten, die knapp zwei Wochen auf dem Seenotrettungsschiff „Sea-Watch 3“ ausharren mussten, in den Hafen von Lampedusa einzulaufen. Bedford-Strohm: „Es ist zu befürchten, dass der italienische Innenminister Salvini seine unmenschliche Politik der Kriminalisierung von Seenotrettung auf die Spitze treiben wird.“ Bedford-Strohm weiter: „Jetzt muss die Bundesregierung dranbleiben. Solche menschenunwürdigen Situationen müssen für die Zukunft ein für alle Mal ausgeschlossen werden. Wir brauchen eine europäische Seenotrettung und einen europaweiten Verteilmechanismus. Die Kriminalisierung von Rettern muss ein Ende haben.“

Die stellvertretende Ratsvorsitzende, Präses Annette Kurschus, hatte die Bundesregierung im selben Pressegespräch zu einer konsequenten Umsetzung der Klimaschutzziele aufgefordert: „Deutschland verfehlt aktuell seine selbst gesetzten Klimaziele. Damit können und wollen wir uns nicht abfinden“, so Kurschus. Zum entschlossenen Umsteuern herausgefordert seien aber alle: „die Politik, die Wirtschaft, die Zivilgesellschaft, auch wir als Kirchen“. Kurschus sprach sich auch für eine sozialverträgliche CO2-Bepreisung aus: „Wir brauchen politische Instrumente, die einen ökologisch vorbildlichen Lebensstil und nachhaltiges Wirtschaften belohnen und eine klimaschädliche Lebens- und Wirtschaftsweise sanktionieren.“ CO2-Emissionen kostenpflichtig zu machen sei hierfür ein erster Schritt.

Die Johannisrede des Ratsvorsitzenden wird im Internet live gegen 18 Uhr über Facebook übertragen: www.facebook.de/ekd.de

Hannover/Berlin, 26. Juni 2019

Pressestelle der EKD
Carsten Splitt

Quelle: Evangelische Kirche in Deutschland: Presse ( http://www.ekd.de/rss/presse.xml)
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