Die Wahrheit erwarten

In Gesprächen mit Todkranken begegnet mir manchmal eine ähnliche Bereitschaft der Sterbenden, offen zu sein. Ehrlich sprechen zu dürfen, ist geradezu befreiend für sie. Den Jüngern dagegen geht es wie vielen Angehörigen. Sie verdrängen die Anzeichen des nahenden Todes. Die Vorstellung von Jesu Todes lähmt sie: „Wie können wir den Weg wissen?“ (Vers 5) Sich einer Wahrheit zu stellen, die schmerzt, ist nicht einfach. Geduldig bereitet Jesus die Jünger vor. Er führt sie in die Wahrheit – obwohl diese eine andere sein wird, als sie bis dahin denken. Wo sie im Tod das Ende aller Möglichkeiten sehen, sieht er eine andere Wahrheit.

Seit Jesu Auferstehung ist der Tod eine Tür

In der Nürnberger Lorenzkirche hängt das so genannte Keyper-Epitaph (1484) von Michael Wolgemut, das die Kreuzabnahme Jesu zeigt. Ganz dominant: der große schwarze Balken des Kreuzes, die weiße Haut des leblosen Körpers Jesu halb am Boden, die weinenden Frauen darum kauernd. Der Tod ist übermächtig in diesem Bild. Zumindest vordergründig. Das Bild macht es dem Betrachter nicht leicht, die tiefere Wahrheit des Todes zu entdecken, die seit Jesu Auferstehung in der Welt ist: Dass der Tod eine Tür ist. Dass der Auferstandene einen neuen Weg öffnet. Dass Jesus selbst der Weg, die Wahrheit und das Leben ist. Diese tiefere Wahrheit im Bild wahrzunehmen, dazu braucht es – wie im Leben – eine gute Portion Geduld, einen offenen Blick und Zuversicht.

Dann entdeckt man die kleinen Szenen im Hintergrund. An einer Stelle begegnen zwei Jünger am Ostermorgen Jesus auf dem Weg nach Emmaus und erkennen ihn nicht. An anderer Stelle läuft der auferstandene Jesus barfuß, in einen roten Umhang gehüllt, auf die Tore der Stadt zu. Leicht ist sein Schritt, ohne jedes schwere Gepäck, der Kopf umstrahlt mit dem goldenen Schein eines Kreuzes. Er trägt eine Siegesfahne in der Hand. Diese geradezu heitere Osterfigur von sieben Zentimeter Größe hat der Künstler direkt neben den schwarzen Balken des Kreuzes gemalt. Eine Gleichzeitigkeit, die beinahe wehtut. Oder aber zum Lachen bringen kann. Osterlachen. Das Überraschende: Hat man diese Miniaturen erst einmal entdeckt, kann man sie nicht vergessen. Sie sind klein, aber groß in der Wirkung.

Der übermächtige Sog des Todes wird weniger. Der Leichtfüßige auf dem Weg in die Stadt will auch zu mir hereinkommen. Und weder dicke mittelalterliche Stadtmauern noch innere Trutzburgen sind für ihn ein Hindernis. Mich von Jesus in seine Wahrheit führen lassen – das will ich üben, nicht nur in dieser Karwoche.

Eberhard Hadem, Pfarrer und Radioprediger

Impuls-Fragen

1. Welche Vorstellungen und Erwartungen könnte der Gedanke wecken, dass die Wahrheit eine Person – Jesus Christus – ist? Was dürfen wir hoffen?
2. Wer mich erkennt, sieht und kennt auch Gott, sagt Jesus. Was wird durch Jesus, den Sohn, verständlicher an Gott, dem Vater? Was bleibt fremd?
3. Es gibt lähmende todesähnliche Erfahrungen mitten im Leben, in denen wir meinen, nicht mehr handeln zu können, keinen Ausweg mehr zu haben, in aussichtsloser Lage gefangen zu sein. Wie kann Jesus als „Weg und Wahrheit“ helfen, damit anders und besser umgehen zu können?


Der Text stammt aus dem Magazin „ZUTATEN. Themenheft zur Fastenaktion der evangelischen Kirche 2019“, edition chrismon.

Quelle: Evangelische Kirche in Deutschland: Nachrichten ( http://www.ekd.de/rss/editorials.xml)
Bitte lesen Sie den ganzen Text auf der Originalseite des Feeds – zur Quelle

Schreibe einen Kommentar