„Habe mich so gesträubt, ins Gefängnis zu gehen“

Kunstwege zur Freiheit wollte der Reutlinger evangelische Regionalbischof, Prälat Dr. Christian Rose, bei seinem Jahresempfang am Freitag, 23. Oktober in der Herrenberger Stiftskirche aufzeigen. Dazu hatte er einen Künstler, einen Gefängnisseelsorger, einen Sozialpädagogen und einen Strafgefangenen eingeladen – und einen modernen Passionsaltar aufbauen lassen.

 

„Angenommen, Sie haben im Leben noch niemanden umgebracht: Wie erklären Sie sich das?“ – mit diesem Zitat von Max Frisch machte der Heidelberger Gefängnisseelsorger Hermann Bunse den rund 800 Gästen provokant deutlich, dass jeder auch dunkle Seiten habe. Manche Menschen hätten schwierigere Startbedingungen und seien schief gewickelt wie das „Fatschenkind“, ein eng verschnürtes Baby, das der Leimener Künstler Bernhard Apfel in seinen Passionaltar „Schuld und Sühne“ eingebaut habe. „Ich habe nie verstanden, dass Strafe die Menschen wieder auf den rechten Weg bringen soll“, bekannte der Seelsorger.

 

Berhhard Apfel hat die Vorderseiten der Tafeln seines mehrteiligen Altars nach dem Vorbild Tilman Riemenschneiders in Holzschnitzkunst gestaltet. Die Rückseiten bearbeitete er zusammen mit Strafgefangenen der Justizvollzugsanstalt Heidelberg. „Ich habe mich so gesträubt, ins Gefängnis zu gehen“, bekannte der Künstler: „Wenn eine der gefangenen Frauen sagt, ich möchte mein Kind einmal wiedersehen – das sind Erfahrungen, die gehen wirklich an die Nieren, die werde ich nie vergessen.“ Die von den Gefangenen gestalteten Rückseiten bieten Zitate wie „Gotteslästerung“, womit muslimische Gefangene gegen den ironisch-kritischen Umgang des Künstlers mit religiösen Traditionen protestierten. Das Zitat „Der letzte Wagen ist immer ein Kombi“ spielt auf den Leichenwagen auf dem letzten Weg eines Menschen an: „In jedem Leben gibt es nur eine radikale Neuigkeit, und das ist der Tod“, bestätigte Hermann Bunse.

 

Das Modell eines offenen Strafvollzugs mit christlichen Werten für Jugendliche praktiziert der Sozialpädagoge Tobias Merckle in seinem Seehaus in Leonberg: „Wir haben zwar keine Gitter und Zäune, aber in gewisser Weise ist der Strafvollzug bei uns sogar noch härter: Um sechs Uhr geht’s los mit Frühsport, und dann ist der Tag straff durchstrukturiert. Unsere Jungs müssen richtig hart ran“, berichtete er im Podiumsgespräch mit dem Prälaten. Einer seiner Schützlinge begleitete ihn und bestätigte: „Es ist sehr anstrengend, man kommt oft an seine Grenzen, manchmal sogar darüber hinaus. Aber wenn man kurz vor dem Aufgeben ist, bekommt man von den Mitarbeitern Hilfe und Kraft.“ Im geschlossenen Regelvollzug sei er nur eine „Nummer“ gewesen, im Seehaus dagegen werde er angenommen, wie er sei, und „als Mensch behandelt“.

Quelle: Evangelische Landeskirche Württemberg ( http://www.elk-wue.de/meta/news/rss-meldungen/?#)
Bitte lesen Sie den ganzen Text auf der Originalseite des Feeds – zur Quelle