Gedanken zum Erntedank

Ein Bauer, der reich geerntet hat: Daran wird heute am Erntedankfest in den evangelischen Kirchen erinnert. Die Geschichte steht in der Bibel. Jesus hat sie erzählt. Um mit ihr zu zeigen, wie das Leben reich wird. Die Ernte des Bauern war so groß, dass seine Scheunen zu klein waren. „Was mache ich nur?“, hat er sich gefragt. „Wenn ich das Getreide unter freiem Himmel liegen lasse, dann verdirbt es mir.“ Dann hat er eine Idee und fasst einen Plan: „Ich weiß, was ich mache. Ich reiße die alten Scheunen ab und baue neue, größere. Und wenn ich die Ernte darin untergebracht habe, dann kann ich zu mir selber sagen: Jetzt hast du Ruhe für lange Zeit. Genieß das Leben, iss, trink und sei froh!“ Aber in der Nacht, so erzählt es Jesus, hört der Bauer eine Stimme, Gottes Stimme: „Du bist ein Narr! In dieser Nacht wirst du sterben. Und wem wird dann das gehören, was du angehäuft hast?“

Das ist eine Frage, die einen ganz schön erschrecken lässt. Finden Sie nicht? Denn wenn ich es mir genau überlege: So fremd ist mir der Bauer gar nicht. Ich bin auch einer, der sich sorgt, wie denn das Leben gut wird. Und ich denke, diese Sorge ist aus dem menschlichen Leben nicht wegzudenken. Der vorsorgende Bauer, von dem Jesus erzählt, der ist doch gerade kein habgieriger Dummkopf, der den Hals nicht vollkriegen kann. Er hat einfach Glück gehabt. Seine Felder haben gut getragen. Und nun handelt er klug und verantwortungsvoll: Er sorgt dafür, dass nichts verdirbt.

Was hat er denn nur übersehen, der Bauer aus dieser Geschichte, dass so kritisch von ihm erzählt wird? Jesus sagt es selbst: Niemand lebt davon, wie viel er hat, wie viel er sammelt und anhäuft. Mein Leben habe ich doch nicht aus mir selbst, das bekomme ich geschenkt. Als Christ sage ich: von Gott geschenkt. Er hat mir mein Leben gegeben. Er hat mich damit auf den Weg geschickt. Auf dem er mir begegnen will.

Kann ich mir dann viele Jahre Ruhe wünschen wie der Bauer in der Geschichte? Dann will ich doch offen bleiben für das Kommende, für das, was sich nicht absehen lässt. Vielleicht begegnet mir ja Gott darin. Die Liebe zwischen zwei Menschen ist für mich so ein Beispiel. Die kann ich nicht machen oder planen, die geschieht, ich muss nur offen sein dafür. Oder ein Anruf, eine Begegnung, und plötzlich fällt mir eine Aufgabe vor die Füße und ich bin herausgefordert.

Mir fällt in dieser Geschichte auf, dass dem reichen Bauern kein anderer Mensch in den Blick kommt. In der Geschichte spricht nur er selbst: Was soll ich tun? Was könnte ich machen? Kein anderes Gesicht taucht auf, keine andere menschliche Stimme. Dieser Mensch meint wohl, dass er niemanden braucht. Vielleicht wäre es ja anders gelaufen, wenn andere bei ihm gewesen wären. Oder wenn er nach anderen geschaut hätte. Vielleicht hätte da einer gesagt: „So eine schöne fette Ernte, komm, lass uns feiern, und wir laden auch die ein, denen es nicht so gut geht! Komm, wir teilen mit denen, die womöglich ihre ganze Ernte verloren haben!“ Oder ein anderer hätte gesagt: „Wie gut, dass zur rechten Zeit der Regen gefallen ist! Wie gut, dass die Sonne geschienen hat! Wie gut, dass wir die Ernte rechtzeitig vor dem Gewitter einbringen konnten! Wie gut, dass das so ist, dafür lasst uns Gott danken!“ Und es wäre ein richtig schönes Erntedankfest geworden.

Pfarrer Bernhard Riesch-Clausecker

Diese Andacht wurde am Erntedankfest 2015 als „Sonntagsgedanke“ im vierten Programm des Südwestrundfunks gesendet.

Quelle: Evangelische Landeskirche Württemberg ( http://www.elk-wue.de/meta/news/rss-meldungen/?#)
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