„Die Kirche muss da sein, wo die Schwachen sind.“

Evangelische Landeskirche Württemberg

Bad Boll. „Die Kirche hat in den Grundfragen der Gesellschaft eine große Kompetenz, also zum Beispiel bei den Themen Sterbehilfe, Lebensschutz, Menschenwürde  und der Frage nach Krieg und Frieden. Diese Kompetenz muss sie einbringen.“, sagte Landesbischof am Montag, 20. Oktober, bei einer Podiumsdiskussion im Rahmen der Herbstkonferenz der Vikarinnen und Vikare in Bad Boll. Mit ihm auf dem Podium waren Bernd Riexinger (Die Linke), Günther Beckstein (CSU), und Pfarrer Pascal Kober (FDP).

Die Kirche müsse stets abwägen, „wie weit sie ins Konkrete hineingehen kann“, so Landesbischof July. „Ich kann zum Beispiel nicht aus dem Neuen Testament ablesen, welche Tunnelbohrung bei Stuttgart 21 die richtige ist.“ Es müsse der Kirche vielmehr darum gehen, „zu einer grundsätzlichen Gewissensschärfung für diejenigen beizutragen, die politische Entscheidungen zu treffen haben.“ Dies könne nicht in einer „Schwarz-Weiß-Malerei“ geschehen, wie er sie zum Beispiel in Fragen der Friedensethik bei der Linkspartei manchmal beobachte. Denn, so July: „Kirche muss natürlich da sein, wo die Schwachen sind. Dennoch darf es zum Beispiel keine vereinfachende Antwort auf die Frage geben, ob friedensbewahrende Gewalt positiv oder negativ zu bewerten ist.“

Grundsätzliche Zustimmung erhielt der Landesbischof von Bernd Riexinger: „Kirche soll sich in gesellschaftliche Auseinandersetzungen einmischen.“ Gerade in der Kritik der „Gigantomanie der Gesellschaft“, die immer nur noch mehr produzieren wolle, sieht Riexinger gemeinsame Anknüpfungspunkte. Allerdings wünsche er sich „mehr Empörung auch von Seiten der Kirche“ über gesellschaftliche Ungerechtigkeiten, wie zum Beispiel die deutliche Schere zwischen Arm und Reich in unserer Gesellschaft oder über das Ausmaß deutscher Rüstungsexporte.

Pfarrer Pascal Kober betonte: „Wenn Kirche gehört werden will, muss ihr Beitrag hilfreich sein für diejenigen, die Entscheidungen treffen. Das ist er vorrangig dann, wenn Kirche ihre theologische Kompetenz einbringt.“ Er kritisierte allerdings, dass „zu erwartbar ist, was aus kirchlichem Mund kommt. Ich sehe es darum als Aufgabe der Kirche, dort die konkrete Not zu sehen und anzusprechen, wo dies kein anderer tut. Da könnte die Kirche Themen setzen und gehört werden.“

Günther Beckstein plädierte dafür, „von vornherein Toleranz für andere religiöse Meinungen mit in unsere Äußerungen aufzunehmen.“ Das wünsche er sich vor allem von den Pfarrerinnen und Pfarrern. „Kirche soll sich zu allem äußern, aber auch der Pfarrer versteht nicht mehr davon als der Politiker. Der Pfarrer muss darum deutlich machen, dass er in einer Predigt seine eigenen Überzeugungen äußert. Er muss klar machen, dass er nicht Ex-Cathedra spricht.“

Die vier Diskussionsteilnehmer haben in der Evangelischen Akademie in Bad Boll im Rahmen der Herbstkonferenz der Vikarinnen und Vikare diskutiert. Über drei Tage beschäftigen sich hier vom 20.10. bis 23.10.2014 angehende Pfarrerinnen und Pfarrer der Evangelischen Landeskirche in Württemberg mit dem Thema „Wer hat hier das Sagen? Kirche in der Demokratie – Demokratie in der Kirche.“

Anna Görder

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