„Mein Gott, verwandle Du diesen Boden in eine gute Erde, damit Dein Samen nicht umsonst in sie falle“

Evangelische Landeskirche Württemberg

Zum 70. Todestag von Sophie Scholl sind hier zwei Gebete aufgeführt, die sie im Sommer 1942 ihrem Tagebuch anvertraut hat. Zu dieser Zeit war die „Weiße Rose“, der sie sich nach und nach anschloss, bereits aktiv. Die Gebete zeigen ihre tiefe christliche Verbundenheit. Und die Stärke einer mutigen Frau, die keine Scheu zeigte, sich für andere einzusetzen.

“Mein Gott, ich kann nichts anderes als stammeln zu Dir.
Nichts anderes kann ich als Dir mein Herz hinhalten, daß tausend Wünsche von Dir wegziehen.
Da ich so schwach bin, daß ich freiwillig nicht Dir zugekehrt bleiben kann,
so zerstöre mir, was mich von Dir wendet, und reiß mich mit Gewalt zu Dir.
Denn ich weiß es, daß ich nur bei Dir glücklich bin, ach, wie weit bin ich weg von Dir,
und das beste an mir ist noch der Schmerz, den ich darüber empfinde.
Doch ich bin so tot und stumpf oft. Hilf mir einfältig werden, bleibe bei mir,
o, wenn ich einmal Vater sagen könnte zu Dir.
Doch kann ich Dich kaum mit >Du< anreden. Ich tue es in ein großes Unbekanntes
hinein, ich weiß ja, daß Du mich annehmen willst, wenn ich aufrichtig bin,
und mich hören wirst, wenn ich mich an Dich klammere.
Lehre mich beten. Lieber unerträglichen Schmerz als ein empfindungsloses Dahinleben.
Lieber brennenden Durst, lieber will ich um Schmerzen, Schmerzen, Schmerzen
beten, als eine Leere zu fühlen, eine Leere, und sie zu fühlen ohne eigentliches
Gefühl.
Ich möchte mich aufbäumen dagegen.”

Tagebuch 29.6.1942  (Seite 260)

“Wie ein dürrer Sand ist meine Seele, wenn ich zu Dir beten möchte,
nichts anderes fühlend als ihre eigene Unfruchtbarkeit.
Mein Gott, verwandle Du diesen Boden in eine gute Erde,
damit Dein Samen nicht umsonst in sie falle,
wenigstens lasse auf ihr die Sehnsucht wachsen nach Dir, ihrem Schöpfer,
den sie so oft nicht mehr sehen will.
Ich bitte Dich von ganzem Herzen, zu Dir rufe ich >Du< rufe ich, wenn ich auch nichts von Dir weiß,als daß in Dir allein mein Heil ist, wende Dich nicht von mir, wenn ich Dein Pochen nicht höre, öffne doch mein taubes Herz, mein taubes Herz,
gib mir die Unruhe, damit ich hinfinden kann zu einer Ruhe, die lebendig ist in Dir.
O, ich bin ohnmächtig, nimm Dich meiner an und tue mit mir nach Deinem guten Willen, ich bitte Dich, ich bitte Dich.
Dir in die Hand will ich meine Gedanken legen an meinen Freund,
diesen kleinen Strahl der Sorge und der Wärme, diese winzige Kraft,
verfüge Du mit mir nach Deinem besten, denn Du willst es, daß wir bitten
und hast uns auch im Gebet für unseren Bruder verantwortlich gemacht.
So denke ich an alle anderen. Amen.”

Tagebuch 15.7.1942 (Seite 261)

(Quellenauszug: Jens, Inge (Hrsg.), Hans Scholl, Sophie Scholl. Briefe und Aufzeichnungen. 1984)

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