„Mein Süßkind“

Evangelische Landeskirche Württemberg

Leider wissen wir so wenig über das Leben Jesu. Gewiss, wir haben die biblischen Evangelien. Doch die geben mehr das wieder, was Menschen in Jesus gesehen haben, die ihn als Christus, als Messias verehrten. Die Evangelien sind Zeugnisse des Glaubens an Jesus als den Christus, nicht protokollierte Augenzeugenberichte und auch nicht Biografien, die auf der Basis von Quellen recherchiert wurden.
Schon gar nichts wissen wir über Jesu Kindheit und Jugend. Das wenige, was das Neue Testament dazu andeutet, ist sicher nicht historisch so gewesen – auch wenn Josef Ratzinger in seinen Jesusbüchern die biblischen Quellen historisierend deutet.
Für meinen persönlichen Glauben an Jesus als den Christus empfinde ich die historische Nachfrage auch als ziemlich belanglos. Mich interessiert es, wie andere Menschen, ob sie sich nun als Christen bezeichnen oder nicht, diesen Jesus von Nazareth verstehen – und vor allem, wie sie es verstehen, dass in ihm Gott in einer besonderen, ja einzigartigen Weise erschienen sei.
Hier hat mich die Lektüre des jüngsten Buches von Klaas Huizing „Mein Süßkind“ geradezu in Bann geschlagen. Huizing ist Theologieprofessor in Würzburg, aber mit „Mein Süßkind“ hat er keine wissenschaftliche Abhandlung über Jesus geschrieben, sondern – wie er selbst es nennt – einen „Jesus-Roman“. Wie ein Schriftsteller erzählt Huizing die Kindheit und die Jugendjahre Jesu beziehungsweise „Jeschuas“, wie Jesus in Huizings Roman heißt.
„Süßkind“ – das ist der Kosename, mit dem Mirjam, die Mutter Jesu, ihren Erstgeborenen nennt. Sie hat von Anfang an, wie vielleicht nur Mütter dies können, gespürt, was für ein eigenartiger Charakter ihr Jeschua ist.
Huizing erzählt nun die Kindheit und Jugend Jeschuas so, wie eine Kindheit zur damaligen Zeit im römisch besetzten und jüdisch geprägten Palästina ausgesehen haben könnte. Er schreibt die frühe Geschichte des Jesus von Nazareth auf ganz unauffällige Weise dieser Gesellschaft und ihrer Zeit ein. Dabei bedient sich Huizing nicht nur zahlreicher Kenntnisse des jüdischen Lebens und Brauchtums zu der Zeit Jesu, sondern flicht auch eine Vielzahl von biblischen Geschichten hinein – anspielungsreich und mit Augenzwinkern: so erlegt Jeschua bei einer nächtlichen Wanderung einen Löwen, greift zur Beruhigung seines griesgrämigen Vaters in die Saiten und hält den Verführungskünsten einer reichen Beamtenfrau stand, als er mit seinem Vater als Bauhandwerkerlehrling unterwegs ist.
Was ist daran faszinierend oder gar gewinnbringend für den Glauben? Für mich ist es dies: Es gelingt Huizing, mich als Leser auf eine Lebensreise mitzunehmen, in deren Verlauf sich langsam und behutsam das Profil Jesu entwickelt, wie wir es aus den Evangelien kennen. Ein Beispiel: Als junger Mann hat Jeschua seinem Vater bei Bauhandwerkerarbeiten in einer anderen Stadt geholfen. Sein Vater zahlt ihm seinen Lohn aus. Auf dem Nachhauseweg wird Jeschua von Räubern überfallen und niedergeschlagen. Ein römischer Hauptmann findet ihn, versorgt seine Wunden und bringt ihn in eine Herberge. Die Erfahrung beeindruckt den jungen Mann: „Ausgerechnet ein Römer erbarmt sich seiner? Musste er nun nicht künftig auch das tun, was er von keinem Römer je erwartet hätte?“ Später folgt Jeschua dem Beispiel des Römers und er wird diese Geschichte als Gleichnis unbegrenzter Nächstenliebe erzählen.
Eine Fiktion, sicher! Aber auch eine wunderbare Auslegung: In Huizings Buch wächst die weihnachtliche Botschaft von Gottes Liebe, die in menschlicher Gestalt erschienen ist, ganz langsam und behutsam heran wie das Gedeihen einer Pflanze, wie das Aufgehen einer Saat. Gottes Liebe geht auf im Leben eines Menschen. Anschaulich, konkret, nachvollziehbar. Ein adventliches Thema, aber auch ein Thema für alle Tage.

 

Dr. Peter Haigis

http://www.kirche-im-swr.de

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