Wir übersättigten Nimmersatten

Evangelische Landeskirche Württemberg

Danke – es reicht,
wenn der Landjugendverein ein Kampf-Fressen veranstaltet und der Gewinner mit 27 Würsten im Magen sich am Ende des Wettbewerbs auf dem Parkplatz erbricht.
Danke – es reicht,
wenn das Wirtshaus für 12,99 Euro am Mittwochabend "Schnitzel satt" mit dem Slogan "Futtern bis der Ranzen spannt" bewirbt.

Danke – es reicht,
wenn das Kinopublikum mit Eimern in einer Größe, mit denen man gut Pferde füttern könnte, randvoll mit übersüßtem Popcorn zwischen die Beine gepresst den Film anschaut.
Danke – es reicht,
wenn die Ernährungswirtschaft mit Fantasienamen wie "Landgold", "Bauernglück", "Naturfreund", erfolgreich ihre Waren bunt bebildert anpreist, welche zwar werbemäßig professionell gestylt, inhaltlich jedoch verlogen sind.
Ja, man will und kann dieses Zuviel des Erträglichen an Worten und Produkten nicht mehr sehen und hören. Die Grenzen des guten Geschmacks sind tatsächlich überschritten: das Maß ist voll.
Filme wie "Taste the waste" oder "We feed the world", Bücher wie "Die Suppe lügt", "Ende der Märchenstunde", "Billiglüge" und "Joghurtlüge" haben uns die zynischen Widersprüche der modernen Agrar- und Ernährungswirtschaft immer wieder nahe gebracht; Zeitungsreportagen, sogar eine ganze ARD-Themenreihe "Essen" haben die Missstände rund ums täglich Brot detailliert recherchiert: Wir mündigen Staatsbürger und anspruchsvollen Kunden wissen doch gewiss Bescheid – und doch pendelt die Überflussgesellschaft zwischen Übersättigung und Nimmersättigung. Wie sonst könnten die Widersprüche so offen zutage treten:

  • immer mehr Menschen, ja sogar Kinder und Jugendliche haben Übergewicht – zugleich steigt die Tendenz zur Magersucht
  • –    immer mehr Essen landet im Müll bei uns und in den Hungerländern des Südens – zugleich wiederholen sich die Alarmsignale für Nahrungsmittelknappheit in den Entwicklungsländern
  • –    stetig wiederkehrend ertönt der Aufruf zu einem Menschen verbindenden Weltethos – und zugleich findet ein skrupelloser Run auf Agrar- und Ernährungsgüter als lukratives Spekulationsobjekt der globalen Märkte statt.

Dabei reicht die Ernte tatsächlich für alle sieben Milliarden Menschen weltweit, um das Überleben zu sichern — dank Gottes reicher Schöpfungsgaben. Doch wir wollen uns immer mehr Reichtümer schaffen und vertun als Satte, gar Übersättigte die Chance, den Hungrigen unser Brot zu brechen.
Nein, anscheinend reicht es noch nicht: es braucht wohl noch mehr Hungersnöte, Lebensmittelskandale, Konflikte um die Produktion und Verteilung unseres Essens, bis der Mensch Nimmersatt übersättigt von seiner Gier und Trägheit das christliche Ziel vor Augen hat, dass es für alle gut reicht.

Clemens Dirscherl

In Württemberg wird Erntedank am ersten Sonntag nach Michaelis (dieses Jahr 30. September) gefeiert. EKD-weit ist Erntedankfest traditionell am ersten Sonntag im Oktober (2012: 7. Oktober). Während diese beiden Daten in vergangenen Jahren meist zusammen fielen, gibt es in diesem Jahr in Württemberg zwei mögliche Termine für das Erntedankfest.

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