Noch heute aktuell

Evangelische Landeskirche Württemberg

Christen feiern heute Palmsonntag – wie Jesus von Nazareth nach Jerusalem kommt. Ich wundere mich und frage mich immer wieder neu: Wie kommt es eigentlich, dass das, was da passiert ist, bis heute weiterwirkt? Zuerst einmal ist es das doch nicht mehr als eine kleine Festepisode aus dem Jahr 30 unserer Zeitrechnung. Jesus – der Zimmermannssohn aus Galiläa – einer aus Israel – will in Jerusalem Passah feiern – das jüdische Fest der Befreiung. Dass Israel aus der Knechtschaft Ägyptens in die Freiheit geführt wurde – dafür will er Gott loben und preisen. Nichts Außergewöhnliches. Jesus kommt nicht allein. Auch das ist nichts Besonderes. Bis heute strömen Gruppen zum Passahfest nach Jerusalem.  

Groß ist die Freude auf das Fest – damals wie heute.   Manche allerdings konnten sich seinerzeit darüber gar nicht freuen. Manche waren geradezu erschrocken über die Begeisterung der Volksmenge. Die haben befürchtet: Jesus und seine Leute bringen die Machtbalance durcheinander, es könnte Aufruhr geben bei so viel Reich-Gottes-Sehnsucht. Und die haben vorsorglich einen Plan ausgedacht, wie sie Jesus noch vor dem Fest kalt stellen können. Was ihnen gelingen sollte – per Kreuzigung.  

Da irritiert mich diese Bemerkung im Johannesevangelium umso mehr. Die Pharisäer – andere Kritiker Jesu – hätten da gestanden und trocken diagnostiziert: "Schaut doch nur hin: Die ganze Welt läuft Jesus nach." (Joh. 12,19). Ihr könnt ihn nicht aufhalten. Wieso haben die Gegner damals so alarmiert und beinahe schon resigniert auf diesen jungen Mann und sein Gefolge reagiert? Das gab’s doch immer wieder: Volksmassen laufen einem charismatischen Führer hinterher – es gibt eine Rebellion – es riecht nach neuen Machtverhältnissen. Und dann ist es aber auch wieder vorbei mit dem Aufruhr – wie ein Unwetter, das weiter zieht. Die Mächtigen bleiben am Ende im Sattel.   Wieso soll das nun ausgerechnet bei Jesus auf dem Esel anders sein? Dem jungen, unbewaffneten Zimmermannssohn – umgeben von ein paar Fischern und Zöllnern, ein paar Daher- und Davongelaufenen. Der mit seinem Ensemble von Schwachen und Träumern, von Frauen und Ex-Kranken. Daraus soll etwas Weltbewegendes werden? Alle Welt läuft ihm nach? Doch höchstens einige und für einen Augenblick! So etwas kann man doch klein kriegen – mit ein paar falschen Zeugen und Einschüchterungen. Und so kam es dann ja auch: Sie laufen zwar Jesus hinterher – aber nach ein paar Tagen – laufen sie auch wieder weg – lassen ihn im Stich – ein paar bleiben bis zur Kreuzigung – schauen zu –  aber das war’s dann auch. Nach der Kreuzigung schien die Jesusbegeisterung am Ende zu sein.

Pfarrer Harry Waßmann für Kirche im SWR, http://www.kirche-im-swr.de  

Dieser Beitrag wurde als "Wort zum Sonntag" auf SWR2 gesendet.

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