Recht oder Gerechtigkeit?

Evangelische Landeskirche Württemberg

Gestern wurde der juristische Schlusspunkt gesetzt. Nach monatelangem Prozess erfolgte das Urteil im sogenannten "Kachelmann-Prozess". Jörg Kachelmann wurde vom Vorwurf der Vergewaltigung einer früheren Freundin freigesprochen. Aus Mangel an Beweisen. Ich hatte kein Interesse, das mediale Pro und Contra zu verfolgen. Dennoch konnte ich mich angesichts der umfassenden Berichterstattung nicht dagegen wehren, mehr Details aus dem Beziehungsleben von Herrn Kachelmann zu erfahren als mir lieb war. Jetzt am Ende des Prozesses steht die Erkenntnis, dass die "Wahrheit", also was in dieser Nacht zwischen den beteiligten Personen geschehen ist, auch das Gericht nicht ermitteln konnte. Zumindest steht am Ende ein Urteil. Aber ist es ein gerechtes Urteil? 

Polizistin wollte ich werden. Das war mein erster Berufswunsch. Nicht Ärztin, nicht Schornsteinfegerin, auch nicht Pfarrerin. Nein. Denn ich hatte eine ganz genaue Vorstellung davon, was Polizisten tun: den Armen helfen, Streit schlichten, die Bösen ins Gefängnis bringen. Kurz: für Gerechtigkeit sorgen. Das wollte ich auch. Es hat einige Jahre gedauert bis mir dämmerte, dass es der Polizei weniger um Gerechtigkeit geht, sondern um das Recht. Dass es eben auch Richtern und Richterinnen – wie in diesem Prozess – nicht um die Gerechtigkeit an sich geht, sondern darum, ein Urteil nach rechtstaatlichen Prinzipien zu fällen: "Im Zweifel für den Angeklagten."

Gerechtigkeit ist ein Zustand, den nach christlichem Glauben nur Gott allein herstellen kann. Er spricht einen Menschen gerecht. Er setzt ins Recht. Im ersten Samuelbuch heißt es: "Denn der Mensch sieht, was vor Augen ist, Gott aber sieht das Herz an" (1. Sam 16,7). Vor Gott werden wir als die Menschen offenbar, die wir nun mal sind. Mit unseren Schwächen und Stärken. Unsere ganze Person wird angesehen. Dass das nicht immer eine angenehme Vorstellung ist – geschenkt. Aber – und das ist der Gedanke, der mich immer wieder tröstet – Menschen erfahren Gerechtigkeit. Gott wird einen Zustand des Rechts herstellen, der allen gerecht wird. Den Tätern wie den Opfern. Wie diese Gerechtigkeit dann aussehen wird? Ich weiß es nicht! Ich vertraue auf die Liebe und Weisheit Gottes.

Das Urteil im "Kachelmann-Prozess" ist das Beste, was es im Rahmen menschlicher Möglichkeiten geben kann, denn es wurde nach rechtstaatlichen Prinzipien gefällt. Und: Das Urteil ist keinem gerecht geworden, weder dem nun Freigesprochenen noch der Nebenklägerin – denn beide wurden irreparabel beschädigt. Der „Kachelmann-Prozess“ macht den Unterschied deutlich zwischen Recht im juristischen Sinn und der Gerechtigkeit Gottes.     

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