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| "Red´nicht so lang - Handle!" | Wir kennen diese Szene: Einer arbeitet, zehn weitere stehen um ihn herum und geben ihm gute Ratschläge, wie er die Aufgabe effektiver bewältigen könnte. Auf welcher Seite stehen Sie? Sind Sie der Beratungsgeschädigte? Oder derjenige, der mit den Händen in den Hosentaschen sein Wissen weitergibt? Wir wünschen Ihnen und uns einen Gottesdienst, der nicht unberührt lässt und Kraft schenkt zu vielleicht neuen Taten. |
Musik
Begrüßung
Lied "Ein neuer Tag beginnt"
Gebet
Anspiel "Schwätz net lang no" - oder: Goldene Worte
Anm. Das Anspiel versucht die Geschichte vom Barmherzigen Samariter (Lk 11,25-37) in der Fassung von heute darzubieten. Während im biblischen Text der Priester und der Levit schweigend an dem Verletzten vorüber gehen, decken heutige "Nächste" ihn mit nimmer endenwollenden Redeschwällen zu.
M kommt auf die Bühne, läuft herum. Er wird von zwei Räubern überfallen, die ihn zusammenschlagen. Er fällt hin, rollt in einen tiefen Graben und ruft um Hilfe.
M: Hilfe, hört mich denn keiner. Ich bin verletzt! Ich liege hier unten und brauche Hilfe!
N1: Was? Ich soll dir helfen? Ich bin doch nicht lebensmüde. Das ist viel zu gefährlich. Wenn ich versuche, dich hier rauszuziehen, dann kann es passieren, dass ich abrutsche und selbst in den Graben falle.
M: Dann hole doch andere, die mir helfen können. Hallo, kann mir denn sonst keiner helfen? Hilfe!
N2: (in leuchtendem Gewand mit einem Amulett an einer Kette): Ich hörte ein Rufen in meiner Nähe!
M: Ich habe gerufen! Bitte hilf mir hier heraus!
N2: (pflückt eine Blume und gibt sie M) Bhagwan sagt: Verwirkliche dich selbst, werde eins mit dem Weltganzen. Suche die Harmonie mit ihm. Alles andere ist Illusion.
M: Dieser Graben ist keine Illusion, sondern bittere Realität. Ich kann an nichts anderes denken, solange ich in diesem stinkenden Loch stecke und nicht herauskommen kann.
N2: (hebt sein Amulett hoch) Du musst dich auf dich selbst konzentrieren, dich selbst verwirklichen, die verborgene Harmonie erkennen, dann hast du dein Ziel erreicht. (geht weiter)
M: Hilfe! Hilft mir denn keiner?
N3: (kommt mit einer Bierflasche an) Hallo, Typ, du bist wohl in der Patsche, was? Komm, nimm einen Schluck (M nimmt einen Schluck) dann gehts dir wieder besser. Das mache ich auch immer, wenn ich mich mies fühle. Na, wie gehts dir jetzt?
M: Dein Mittel wirkt nur kurz, es lenkt mich nur ab. Aber es hilft mir nicht aus diesem Graben hier heraus. Ich will hier heraus!
N3: (geht weiter) Vielleicht solltest du auf härtere Sachen umsteigen, wenn dir das nicht reicht. Aber dafür hab ich kein Geld!
M: Ich will mich nicht zudröhnen, sondern hier raus! Wer hilft mir denn endlich?
N4: (kommt mit Walkman angetanzt und sieht M zunächst nicht, bis er ihn wahrnimmt und den Kopfhörer abnimmt) Hey, du da, was ist denn mit dir los, du bist wohl völlig down, was?
M: Ja, ich möchte hier raus, hole mich doch bitte raus, ich sacke sonst immer tiefer in diesen Graben ein!
N4: Du solltest mal den neuesten Sound hören, echt irre, sage ich dir, der macht dich voll an (setzt M den Kopfhörer auf, der ist für kurze Zeit beschwingt) Wer down ist, wird mit diesem Sound wieder high. So, nun reichts, ich will weiter.
M: Hee, halt, Stopp! Du kannst mich doch nicht im Stich lassen! Ich will hier raus! Hilfe!
N5: Was hast du für ein Problem, ich will es lösen!
M: Mein Problem ist dieser Graben, in den man mich reingestoßen hat. Ich komme hier nicht mehr alleine heraus.
N5: Wie bist du denn hier hereingeraten?
M: Ich wurde überfallen und die Räuber haben mich hier hineingeworfen und dann liegen lassen. Außerdem bin ich verletzt!
N5: Dann pass in Zukunft auf, wo du herumläufst. Du hast doch sicher gewusst, wie gefährlich diese Gegend hier ist, oder?
M: Aber nun ist es zu spät zum Aufpassen. Es ist passiert! Ich will hier wieder raus und dann kann ich in Zukunft aufpassen. Ohne Hilfe gehe ich hier unter!
N5: Dieser Graben ist die Folge deines Fehlverhaltens, das musst du so hinnehmen. Jeder muss die Suppe auslöffeln, die er sich eingebrockt hat. Jeder muss sein Schicksal annehmen. (geht weiter)
M: Hilfe, gibt es denn keinen, der mir heraushelfen kann?
N7: (geht in den Graben, hilft ihm heraus und lässt ihn gehen)
Lied "Gehet nicht auf in den Sorgen dieser Welt"
Predigt
Liebe Freundinnen und Freunde des etwas anderen Gottesdienstes,
haben Sie sich erkannt vorhin im Anspiel? Wie verhalten Sie sich, wenn Ihnen ein Mensch vor die Füße fällt und seine Not offensichtlich ist? Wie verhalten Sie sich als Mitmensch, als Nachbarin, Freund, Bekannte oder gar als Mitchrist?
1. Etwa wie der Egoist am Anfang, der jedes Mal genau abwägt, ob er sich mit seiner Hilfeleistung nicht selbst in Gefahr bringt? Wie viele Gründe haben wir parat, um wegzusehen, vorbeizugehen, links liegen zu lassen? Wir überhöhen diese Gründe noch nicht einmal religiös, sondern sie lassen sich zusammenfassen in dem simplen Satz: der Zweck heiligt die Mittel! oder "Jede / Jeder ist sich selbst der / die Nächste!" Es lassen sich immer Gründe finden, um das eigene Verhalten zu erklären und wenn es sein muss, zu entschuldigen. Gesunder Egoismus ist heutzutage anerkannt - misch dich nicht ein, dann bekommst du keinen Ärger.
2. Oder verhalten Sie sich eher wie der Bhagwanjünger, der vor lauter Selbstverwirklichung den Kontakt zur Realität verloren zu haben scheint und haarscharf an der Not des Hilfesuchenden vorbeigeht?
3. Vielleicht ähneln Sie aber doch dem Mann mit der Flasche, der in seiner Droge eine willkommene Ablenkung parat hat, die er jedem anbieten kann, der ihm über den Weg läuft. Wenn die Probleme zu schwer werden, dröhn ich mir den Schädel zu, dann sind sie wie weggeblasen.
4. Auch der Musikfreak hat seine Droge dabei, etwas leichter zwar, aber sie kann genauso abhängig machen. Doch, er gibt selbst zu, Musik kann die Sorgen nur kurze Zeit vertreiben, eine Lösung ist sie also nicht.
5. Etwas anders als seine Vorgänger verhält sich der Philosoph. Er fragt den Hilfesuchenden wenigstens danach wie er in diese schlimme Lage gekommen ist. Wie bist du denn in diese Lage gekommen - der erste, der sich nicht nur um sich selbst dreht, sondern nach dem anderen fragt. Leider verliert sich sein Hilfeversuch auch nur wieder in einem Ratschlag - einem moralischen dazu: Pass in Zukunft halt besser auf. Nein, geholfen hat er auch nicht.
Gewiss, die Typen in unserem Anspiel waren überzeichnet. Doch ganz falsch liegen diese Überzeichnungen nicht, denn wir erkennen darin sehr gut die Muster wieder, mit denen wir anderen Menschen begegnen, mit denen wir antworten auf ihre Fragen, auf ihre Hilferufe, auf ihre Not - Egoismus, Selbstverliebtheit, Ablenkungsmanöver, Überheblichkeit und gut gemeinte Moralvorträge.
In unserem Anspiel haben wir auch das zugrundeliegende Gleichnis vom barmherzigen Samariter nicht unerheblich verändert. Doch das war reine Absicht. Denn während bei Jesus der Priester und der Levit schweigend an dem Verletzten vorübergegangen sind, hören unsere Charaktere gar nicht mehr auf zu reden, im Gegenteil, sie sülzen den Hilfesuchenden voll mit Lebensweisheiten und gutgemeinten Ratschlägen.
Das bringt uns auf eines der zentralen Kennzeichen unserer Zeit: Die Geschwätzigkeit. Von Vera am Mittag über Hans Meiser am Nachmittag bis Harald Schmidt in der Nacht schwätzen unaufhörlich Leute auf uns ein. Und alle wollen nur das eine: über sich selbst berichten und damit wobei noch anderen helfen, Lebenshilfe leisten durch das Gespräch. Viele Menschen behaupten, dass sie z.B. aus Talkshow-Sendungen echte Lebenshilfe erhalten. Ich will gar nicht bezweifeln, dass ein gutes, ernsthaftes Gespräch wirklich Lebenshilfe leisten kann und Lösungen für echte Probleme aufzeigen kann.
Doch hört man z.B. in die Talkshows unserer Tage rein, stellt man fest: Die Themen und die Art der Gespräche zeigen, dass es um Quoten geht, nicht um Problemlösungen: Ich kann dich nicht mehr riechen. Hilfe, bei mir spukts und keiner glaubt es mir! Wie leer, ja wie gefährlich viele Worte sind, die da gewechselt werden, fällt gar nicht mehr auf. Kinder und Jugendliche, die in der letzten Woche die Talkshow "Birte Karalus" gesehen haben, wurden mit mehreren problematischen Inhalten konfrontiert. In den ausgestrahlten Sendungen wurden belastende familiäre und persönliche Konflikte öffentlich ausgetragen.
Die Konflikte der Teilnehmer, die meist aus einem problembehafteten sozialen Umfeld (kinderreiche, arme Familien, Alkoholkranke, Vorbestrafte, Arbeitslose) stammten, konnten in den meisten Fällen nicht positiv gelöst werden, weil die Gespräche auf einem kommunikativ niedrigen Niveau verliefen und hauptsächlich aus gegenseitigen Vorwürfen und Vorhaltungen bestanden. Den heranwachsenden Zuschauern wurde durch diese Sendungen ein pessimistisches Bild von familiären und zwischenmenschlichen Beziehungen vermittelt.
In der Talkshow zu dem Thema "Damit das klar ist, als mein Kind hast du mir zu gehorchen" traten z.B. zwei Schwestern auf, die in Tränen ausbrachen, weil sie der Konfliktsituation emotional eindeutig nicht gewachsen waren.
Liebe Freunde, manchmal wundert es mich, dass uns die Themen nicht ausgehen. Wir haben gelernt, über alles und jeden zu reden, überall unseren Senf dazuzugeben, doch wenn wirklich einmal wir gefragt werden, unsere Meinung zählt, ein Mensch unsere Hilfe braucht, was dann? Sehen wir wirklich, was den anderen bewegt, was er braucht? Wollen wir es sehen oder ist es nicht viel einfacher, die Augen zuzumachen?
In der Geschichte vom barmherzigen Samariter macht Jesus deutlich, worum es geht. Der Priester und der Levit, beide sehen den Überfallenen, sie nehmen ihn uns seine Notlage wahr, doch sie nehmen das alles eben nur zur Kenntnis - und gehen vorüber. Nur der Samariter "kam zu ihm hin; und als er ihn sah, wurde er innerlich bewegt". Diese innere Bewegung ist es, die den Unterschied ausmacht.
Das bloße äußerliche Interesse an unseren Mitmenschen bewegt gar nichts. Im Gegenteil, es kann sogar abstoßend wirken. In der Vorbereitung zu diesem Gottesdienst hat ein Teammitglied erzählt: "Wenn ich morgens in den Betrieb komme, treffe ich immer den Kollegen XY. Der kommt auf mich zu und fragt mich jedes Mal, wie es mir geht. Ich spüre aber, dass er es nicht ernst meint, mit seinem Interesse. Er will überhaupt nicht wissen, wie es mir geht. Er fragt aus reiner Höflichkeit, aber ohne jede innere Beteiligung an mir oder meinem Befinden. Seit einiger Zeit kann ich es nicht mehr ertragen, dass er mich überhaupt fragt. Ich weiche ihm aus." - Geheucheltes Interesse ist schlimmer als ehrliches Desinteresse.
Daraus ergibt sich die Frage: Wie sollen sich Christen verhalten, Menschen, die Jesus nachfolgen wollen? Jesus sagt: Orientiert euch am Verhalten des Samariters! Er, der verachtete Fremde aus Samarien, lässt sich die Not seines Mitmenschen ganz nahe kommen, er versucht erst gar keine Ausflüchte. Ihn bewegt, was er sieht, er ist nicht auf Show oder Selbstbestätigung oder Höflichkeitsformeln aus.
Drei Schritte sind es, die er tut. Der erste Schritt: Der Samariter sieht den anderen. Jesus will unseren Blick weiten, er will, dass wir richtig hinsehen bei unseren Begegnungen. Wer ist da vor mir? Wie geht es meiner Gesprächspartnerin? Der Samariter sieht den ganzen Menschen, er nimmt sich Zeit für jeden und so sollen wir auch unseren Nächsten ansehen: mit dem Blick Jesu, der das Wesentliche sieht.
Der zweite Schritt: Der Samariter lässt sich innerlich bewegen von dem, was er sieht. Er ist nicht so abgestumpft, dass er die Not nicht mehr wahrnimmt, die hinter der Situation des Mitmenschen liegt. Er versteckt sich nicht hinter der Ausrede, er habe keine Zeit, er gibt keine moralischen Ratschläge. Er hat Mitleid mit dem anderen, er leidet mit ihm.
Der dritte Schritt: Der Samariter handelt. Er redet kein Wort - und handelt stattdessen. Er überwindet seine Angst, sich selbst einzusetzen, etwas von sich und seinem Geld herzuschenken. Er weiß instinktiv, was der Mitmensch in diesem Moment braucht - Pflaster, Wundverband, eine Decke, eine Transportmöglichkeit, ein warmes Bett, zu essen und zu trinken, eine Herberge.
Liebe Freunde, wenn wir uns von Jesus die Augen öffnen lassen, wenn wir uns bewegen lassen von den Problemen, den Sorgen, die unser Mitmensch hat, dann werden wir instinktiv wissen, was der andere braucht - ohne ein Wort darüber zu verlieren.
Ich bin sicher, liebe Freunde, dass jede und jeder von uns in ihrem Leben von Gott mehr als genug Chancen bekommen, zu handeln wie der Samariter. Und gerade darin erweist sich unser Leben als Christen - dass wir eben nicht stecken bleiben in guten Ratschlägen, so nett sie auch gemeint sein mögen. Dass wir nicht einstimmen in die Geschwätzigkeit derer, die Konflikte zur Schau stellen und damit nur sich selbst inszenieren. Dass wir uns nicht verstecken hinter unserer Arbeit, unserer Familie oder unserem Stress, wenn es darum geht, auf andere zuzugehen, sie wahrzunehmen, sie zu achten und sich von ihnen und ihren Problemen bewegen zu lassen. Daran soll man erkennen, sagt Jesus, dass ihr meine Jünger seid, dass ihr einander liebt.
Und wie könnten wir behaupten, dass wir einander lieben, wenn wir nicht einmal wissen, was dem anderen fehlt? Ja, ich behaupte sogar, daran zeigt sich wirkliche Liebe und Freundschaft zu einem Mitmenschen, einem Mitchristen, wenn ich weiß, was ihm fehlt, welche Sorgen er hat und ich bereit bin, die mit ihm zu tragen.
Die Frage, die uns Jesus stellt, muss demnach heißen: Wer meinst Du, soll Dir zum Nächsten werden, wem willst Du nahe kommen? Wem willst Du nahe kommen, wem willst Du Nächster werden, in Deiner Familie, an Deinem Arbeitsplatz, in Deiner Gemeinde, hier im Gottesdienst?
Wenn wir, als Freundinnen und Freunde in der christlichen Gemeinde, als Nachbarn, Eltern, Kinder, Ehepartner und Arbeitskollegen, dies mehr beachten würden: Den anderen lieben, heißt: wissen, was ihm fehlt - und ihm helfen, es zu tragen - ich bin sicher, wir bräuchten keine Talkshows mehr.
Jetzt habe ich lange geredet und damit etwas getan, was man unserer Kirche und den Pfarrern im allgemeinen vorwirft: zu viel zu reden. Doch weil ich daran glaube, dass eine Predigt auch nicht länger sein muss als bis der Punkt erreicht ist, an dem den meisten klar geworden, worum es geht, höre ich hier auf und sage nur noch: Schwätz net lang no, sondern handle wie der Samariter und folge Jesu nach. Amen.
Um "Folgen" geht es auch in unserem nächsten Lied: Leben mit Jesus hat Folgen!
Lied "Folgen"
Infos
Lied "Geh unter der Gnade"
Segen
Zuletzt geändert von Thomas Binder (admin) am 07.01.2010 um 00:50
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