Ein offenes Ohr für alle

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Olympiapfarrer Thomas Weber bei den Sommerspielen in Rio de Janeiro

Ab dem 5. August ist es wieder soweit: Die besten Sportlerinnen und Sportler der Welt kämpfen in Rio de Janeiro zwei Wochen lang um die begehrten Medaillen. Thomas Weber (53), Gemeindepfarrer aus dem nordrhein-westfälischen Gevelsberg, ist Olympia-Pfarrer der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD). Er reist als Teammitglied der deutschen Mannschaft mit nach Brasilien. Was er dort macht und wie er die Spiele erlebt, berichtet er im Interview mit Jens Schmitt.

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Wenn er nicht bei Olympia seinen Dienst verrichtet, ist Thomas Weber Gemeindepfarrer im nordrhein-westfälischen Gevelsberg. © privat

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Thomas Weber mit dem deutschen Bob-Team 2014 bei den olympischen Winterspielen in Sotschi, Russland. © privat

Herr Weber, Sie sind nun bereits seit 10 Jahren Olympiapfarrer. Wie schaffen Sie das?
*lacht* Ich habe das große Glück, dass meine Frau mich sehr unterstützt, auch in der Gemeinde. Und mir kommt natürlich zugute, dass die Olympischen Sommerspiele in die zweite Hälfte der Ferien in Nordrhein-Westfalen fallen. Eine Zeit, in der die Gruppen und Kreise in der Gemeinde sowieso auf Sparflamme fahren. Außerdem sind unsere beiden Kinder am Studieren und führen ihr eigenes Leben, das macht die ganze Sache natürlich auch etwas entspannter.

Wieso gibt es eigentlich einen Olympiapfarrer?
Der Sport nimmt in unserem Leben einen sehr großen Bereich ein. Als gesellschaftlicher Akteur spielt die Kirche hierbei natürlich auch eine Rolle. Die kirchliche Sportarbeit, beispielsweise im CVJM oder auf katholischer Seite im DJK-Sportsverband, aber auch in vielen kleinen Verbänden und Organisationen auf regionaler Ebene, ist enorm. Viele Gemeindeglieder sind Mitglied in einem Sportverein. Viele Männer und Frauen, die sich im Sport als Jugendleiter oder Trainer engagieren, sind in Kirchengemeinden groß geworden. Deswegen finde ich es wichtig, auch einen Pfarrer zu den Olympischen Spielen zu entsenden, um deutlich zu machen: Die Welt des Sports ist uns wichtig. 


Thomas Weber ist seit 2006 Olympiapfarrer. Bisher war er bei drei Winter- sowie drei Sommerspielen dabei. Außerdem ist er seit 2003 Sportpfarrer bei den Sommeruniversiaden, den Weltspielen der Studierenden, die alle drei Jahre stattfinden.


Was ist vor Ort Ihre Aufgabe?
Auf der einen Seite stehen die geistlichen Angebote. Wir Pfarrer bieten Auszeiten an, kurze Momenten, in denen man auf andere Gedanken kommt, ökumenische Gottesdienste oder Andachten. Zum einen im Athletendorf, in dem es ein großes religiöses Zentrum gibt, zum anderen aber auch im „deutschen Haus“. Viel wichtiger ist aber, Zuhörer und Gesprächspartner zu sein. Für die Sportlerinnen und Sportler und für all die anderen, die im Hintergrund mitwirken: für Trainer, Betreuer, Mitarbeiter des deutschen olympischen Sportbundes, aber auch für Eltern oder andere Verwandte. Gerade mit den Familien kommt man schnell ins Gespräch. Ich kann mich beispielsweise an einen Todesfall in der Familie einer Athletin erinnern. Als Seelsorger bekommt man in so einer Situation einen Vertrauensvorschuss, weil die Leute wissen, ich habe ein offenes Ohr und behalte das, was sie mir erzählen, für mich. Denen ist es wichtig, jemanden zur Seite zu haben, dem sie so etwas anvertrauen können und der versteht, was die Hinterbliebenen gerade durchmachen.

Das sind doch recht persönliche Anliegen mit denen Sie konfrontiert werden…
Klar: Die jungen Sportlerinnen und Sportler fahren nach Brasilien, um ihre beste Leistung abzurufen und der Sport steht im absoluten Mittelpunkt. Deswegen ist Sieg und Niederlage natürlich auch ein großes Thema. Was hinter den Fassaden los ist, mit all den Höhen und Tiefen, das kriegt ja kaum jemand mit. Was die Frauen und Männer der Olympiamannschaft beschäftigt, ist gar nicht so verschieden von dem, was die Menschen in meiner Gemeinde bewegt.

Zum Beispiel?
Welche Lebensplanung habe ich? Was ist mir wichtig im Leben? Auch der Bruch von Beziehungen ist oft Thema: Wie gehe ich damit um? Wie geht es nun weiter? Das sind Dinge, die jeden von uns beschäftigen. Die Sportlerinnen und Sportlern stehen aber im Mittelpunkt der Öffentlichkeit. Auf die wird besonders geschaut und die müssen mit diesem Druck irgendwie umgehen. Was mir dabei auffällt: Das Selbstwertgefühl wird sehr oft an der Platzierung festgemacht. Wenn also einer sagt, er sei nicht gut gewesen, dann zweifelt derjenige an seinen Gaben und Fähigkeiten und fühlt sich wertlos, weil es heißt: „Er ist nur Siebter geworden“. Dabei ist allein die Teilnahme an den Olympischen Spielen schon ein riesiger Erfolg. Hier an der Seite der Sportlerinnen und Sportler zu stehen und zu sagen: „Unser Leben ist mehr als das, was wir können und leisten!“, das gehört zu den Aufgaben, bei denen gerade wir als Seelsorger etwas beitragen können.

Im deutschen Team befinden sich neben den Sportlern und Trainern allerhand verschiedene Akteure: Ärzte, Berater, Funktionäre, Psychologen, Physiotherapeuten. Ein Pfarrer ist da doch schon etwas Besonderes. Wie wurden sie in diesem großen Team aufgenommen?
Die Frage, die sich alle stellen: Ein Pfarrer bei den Olympischen Spielen — bringt das überhaupt was? Bei den Spielen kann man alles messen und bewerten. Unsere Arbeit lässt sich allerdings nicht in Zahlen, dafür aber in zwischenmenschlichen Begegnungen ausdrücken. Ich freue mich, wenn nach den Spielen ein Athlet anruft, der gerne kirchlich heiraten möchte und mich fragt, ob ich das nicht übernehmen kann. Andere fragen, ob ich nicht ihre Kinder taufen möchte. Ein anderes Mal hat mich ein Bundestrainer angerufen und mich um Hilfe beim Verfassen eines Nachrufs gebeten. Hier wird dann abseits von messbaren Werten deutlich, wie wichtig unsere Arbeit ist. Und die ist nicht nur während der Spiele wichtig, sondern wirkt nachhaltig in das Leben der Athleten und Beteiligten mit ein.

Brasilien heißt ja leider auch Armut, Gewalt, Drogen, Korruption. Wie geht man mit den Problemen um, die vor Ort herrschen?
Die gastgebenden Länder stehen immer im Fokus der Öffentlichkeit und das finde ich auch wichtig, weil ich die Hoffnung habe, dass sich mit der Ausrichtung von sportlichen Großveranstaltungen auch im Land etwas verändern kann. Gerade Brasilien stand in den letzten Jahren oft in den Schlagzeilen. Dabei ging es meist um die neue Regierung, die viele bestehende Grundrechte wieder eingeschränkt hat, die Jahrzehnte lang erkämpft wurden oder die Kluft zwischen Arm und Reich, die immer größer wird. Von kirchlicher Seite gibt es hier zwei Kampagnen, mit denen wir auf die Situation und die Missstände im Land aufmerksam machen wollen. 

Wie gehen Sie persönlich dieses Thema an? Wie helfen Sie mit?
Ich knüpfe bei jeder Reise als Olympiapfarrer Kontakte zu den Gemeinden des jeweiligen Austragungslandes. In Brasilien sind wir in der deutschen katholischen Gemeinde untergebracht. Zusammen mit meinen Kollegen schaue ich mir dann einige Projekte an. Dabei versuchen wir immer im Blick zu haben, wie wir als deutsche Kirchen im weitentfernten Brasilien auch etwas bewegen und Menschen motivieren können, die Zukunft in die Hand zu nehmen.

Quelle: Evangelische Landeskirche Württemberg ( http://www.elk-wue.de/index.php?type=13)
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