Christliche Einflüsse auf Judentum interdisziplinär erforschen

Evangelische Landeskirche Württemberg

Für eine Überwindung der Grenzen zwischen Judaistik und christlicher Theologie sprach sich der Berliner Judaist Peter Schäfer am Dienstag, 13. Mai in Tübingen vor Journalisten aus. Der 70-Jährige wird am Abend auf Vorschlag der evangelisch-theologischen Fakultät der Universität Tübingen für seinen „herausragenden Beitrag zur Erforschung der Geschichte, der Literatur und der Theologie des antiken und frühmittelalterlichen Judentums“ ausgezeichnet mit dem Dr. Leopold-Lucas-Preis. Der mit 50.000 Euro dotierte Preis ist der höchstdotierte Wissenschaftspreis in Deutschland.

 

„Natürlich ist das Christentum aus dem Judentum entstanden“, erklärte Schäfer: „Aber umgekehrt wäre das bis heute maßgebliche rabbinische Judentum nicht so geworden, wie es ist, wenn es sich nicht mit dem neu entstehenden Christentum hätte auseinandersetzen müssen.“ So hätten beispielsweise im dritten nachchristlichen Jahrhundert in Caesarea Maritima sowohl wichtige jüdische Rabbinen als auch der Kirchenlehrer Origenes gelebt und miteinander im Kontakt gestanden: „Es wäre absurd, beides nur in getrennten Fächern zu behandeln“, sagte Schäfer. Zu Beginn seiner akademischen Lehrtätigkeit habe er sich zunächst bemühen müssen, die Judaistik als eigenes Studienfach zu etablieren und gegen Vereinnahmungen aus Theologie oder Orientalistik zu schützen. Nachdem dies gelungen sei, gehe es jetzt darum, Grenzen zu überwinden und interdisziplinär zusammenzuarbeiten. Die von ihm erforschten frühchristlichen Einflüsse auf das rabbinische Judentum könnten auch dem jüdisch-christlichen Dialog Impulse geben, zeigte sich Schäfer überzeugt.

 

Seit seinem Wechsel an die US-amerikanische Universität Princeton verfasse er seine wissenschaftlichen Arbeiten nur noch auf Englisch, berichtete Schäfer: „Englisch hat meinem Denken gut getan, und der Lesbarkeit meiner Bücher war es keinesfalls abträglich.“

 

Zur Judaistik sei er gekommen, weil er im Studium der katholischen Theologie Hebräisch nicht als tote Schriftsprache, sondern als lebendige, gesprochene Sprache habe lernen wollen. Dazu sei er für zwei Jahre an die hebräische Universität nach Jerusalem gegangen und habe sich dort besonders auf das Studium des antiken Judentums konzentriert, berichtete Schäfer. Danach sei Tübingen für seine akademische Laufbahn sehr wichtig gewesen, betonte er: Der evangelische Neutestamentler Otto Michel habe ihn, den katholischen Judaisten, an das Institutum Judaicum der evangelisch-theologischen Fakultät geholt. 1974 wurde er Professor für Judaistik in Köln, 1983 wechselte er in gleicher Funktion nach Berlin und 1998 nach Princeton. Nach seiner freiwilligen Emeritierung 2008 hat er eine Honorarprofessor an der Berliner Humboldt-Universität übernommen.

 

Der Dr. Leopold-Lucas-Preis ehrt Persönlichkeiten, die wesentlich dazu beitragen, die Toleranz zwischen Menschen und Völkern zu fördern. Zu den Preisträgern zählen der Dalai Lama und der frühere Bundespräsident Richard von Weizsäcker. Die evangelisch-theologische Fakultät vergibt den Preis jährlich im Namen der Universität Tübingen. Er wurde 1972 von Franz D. Lucas gestiftet zum 100. Geburtstag seines im Konzentrationslager Theresienstadt ums Leben gekommenen Vaters, des jüdischen Gelehrten und Rabbiners Dr. Leopold Lucas.

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