Gott tröstet wie eine Mutter

Evangelische Landeskirche Württemberg

Meine Mutter war keine sehr gefühlsbetonte Frau. Sie war tüchtig und zuverlässig und hatte immer viel zu tun. Ein bisschen streng war sie auch. Aber: Sie konnte trösten! Ohne gefühlvolle Gesten meistens, ohne Küsse und Umarmungen. Aber so, dass mir manches noch heute hilft, obwohl Mutter schon lang tot ist.

Zum Beispiel die Sache mit dem Wachsen. Als Kind haben mir manchmal tagelang die Knie wehgetan, scheinbar ohne Grund. Dann hat sie gesagt: „Das kommt vom Wachsen.“ Das hat mich getröstet, weil es ja anscheinend für etwas gut war, dass es wehtat. Inzwischen weiß ich: Es gibt Wachstumsschmerzen auch innerlich, an der Seele gewissermaßen, und die gibt es auch bei Erwachsenen. Auch da vergeht Altes, und Neues wächst. Wenn die Kinder erwachsen werden und ihre eigenen Wege gehen. Wenn ich mich nach einem anderen Arbeitsplatz umsehen muss, weil das, was ich bisher gemacht habe, zu Ende geht. Wenn ich umziehen muss, wenn eine langjährige Beziehung, wenn eine Ehe zerbricht. Das tut weh. Dann hilft es, wenn man nicht allein sein muss. Meine Mutter hat früher manchmal warme Umschläge gemacht. Die haben nicht wirklich geholfen – aber sie haben getröstet und mir gezeigt: Man kann wahrscheinlich nicht alles wegmachen. Aber wenn man nicht allein ist damit, dann tut es nicht mehr so weh. Dieser Trost meiner Mutter ist mir bis heute geblieben.

Vielleicht ist das etwas, das Mütter besonders gut können: trösten. Und wenn man getröstet ist, dann kann auch etwas wachsen. Sogar die Bibel sieht das anscheinend so. „Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet.“ (Jes 66, 13). Das kann man da über Gott lesen. Trösten ist anscheinend typisch für Mütter. Und für Gott. Nicht so, dass alles Leid verschwindet. Aber so, dass man neue Aussichten gewinnt. Dann kann man es ertragen, was weh tut. So tröstet Gott. So können Mütter trösten. Und ich glaube: Väter auch.

Und was ist nun, wenn Mütter selber Trost brauchen? Weil vielleicht alles zu viel wird – Familie und Beruf, Haushalt und Freunde? Wenn Mütter traurig sind, weil die Kinder anders geworden sind, als sie es gehofft haben? Wenn eine Mutter Fehler gemacht hat und jetzt nicht weiß, wie es weiter gehen soll? Oder wenn sie alt geworden ist und die Kinder viel zu tun haben und wenig Zeit für die Mutter, so wie sie vielleicht früher auch wenig Zeit hatte für ihre Mutter? Wer hilft uns Müttern, wenn wir Trost brauchen? Auch da, finde ich: „Gott kann trösten, wie einen seine Mutter tröstet.“

Manchmal geht das ganz direkt:  Wenn mir ein lustiger Satz einfällt, den meine Tochter früher mal gesagt hat, und ich auf einmal lachen muss. Wenn die Kinder mir erzählen, was sie denken und wie sie leben, und ich etwas wieder erkenne von dem, was auch mir wichtig ist. Wenn ich dann denke: Manches ist ja doch gut und richtig gewesen für die Kinder und hilft ihnen zum Leben – so wie es mir bis heute hilft, was meine Mutter vom Wachsen gesagt hat. Manchmal fällt mir auch die biblische Geschichte von Rebekka ein, einer Mutter, die ihre ganze Familie durcheinander gebracht und das Leben ihrer beiden Söhne aus der Bahn geworfen hat. Aber Gott, erzählt die Bibel, hat es dann doch alles zum Guten gewendet. Das tröstet mich, wenn ich an die Fehler denke, die ich als Mutter gemacht habe.

So tröstet mich Gott – manchmal ganz direkt. Und manchmal braucht er Menschen dazu, die mich irgendwie „bemuttern“. So wie Mutters warme Umschläge oder das Pflaster, das sie auf die Stelle geklebt hat, wo man sich gestoßen hatte. Dann tut manches schon nicht mehr so weh. Ich fühle mich auch heute manchmal so getröstet, wenn mich jemand bemuttert. Wenn mir jemand etwas abnimmt, was ich nicht so gut kann. Wenn mir einer ganz unverhofft eine Freude macht oder das Frühstück richtet. Manchmal ist das die Freundin, manchmal der Partner, manchmal der kleine Junge aus dem Nachbarhaus.

Es gibt immer wieder Situationen, wo Gott mich tröstet, wie einen seine Mutter tröstet. Das wünsche ich Ihnen allen für den Tag heute und für die kommende Woche.

Luzie Panzer

Den vollständigen Beitrag können Sie am 11. Mai um 8.50 Uhr als ‚Sonntagsgedanke‘ auf SWR 4 hören.

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