Geburtsstunde der Bekennenden Kirche

Evangelische Landeskirche Württemberg

Sonntag, 22. April 1934. Es ist still im Ulmer Münster. Die gesamte Gemeinde steht auf, als der bayerische Landesbischof Hans Meiser das Wort ergreift. „Es waren gewiss 6.000 Menschen da“, erinnert sich später Marie Wurm, die Frau des württembergischen Landesbischofs Theophil Wurm.

Meiser verliest die Ulmer Erklärung, in der sich hochrangige Vertreter evangelischer Landeskirchen in Deutschland gegen die Vereinnahmung ihrer Kirche durch die Nationalsozialisten wehren. „Auf uns lastet die schwere Sorge um die Deutsche Evangelische Kirche. … Das Handeln der Reichskirchenregierung hat seit langer Zeit keine Rechtsgrundlage mehr. Es geschieht Gewalt und Unrecht, gegen welche alle wahren Christen beten und das Wort bezeugen müssen.“

Die Kirchen in Deutschland waren von der Gleichschaltung bedroht. Bereits 1930 hatten sich die so genannten Deutschen Christen gebildet, die mit Unterstützung Adolf Hitlers die reichsweiten Kirchenwahlen am 23. Juli 1933 gewannen und die meisten wichtigen Kirchenämter besetzten. Nur die Bischöfe von Bayern, Württemberg und Hannover gehörten nicht den Deutschen Christen an. Jetzt erklärten die Unterzeichner der Ulmer Erklärung, „als rechtmäßige evangelische Kirche Deutschlands“ zu handeln. Es ging ihnen nicht darum, die Reichskirche zu verlassen. Vielmehr erhoben sie den Vertretungsanspruch für eine Kirche, die sich am Glaubensbekenntnis und nicht an den Zielen der Staatsgewalt orientiert. Eine „Kriegserklärung“ in den Augen von Reichsbischof Ludwig Müller, Mitbegründer der Deutschen Christen, der schon 1931 der NSDAP beigetreten war.

Der spätere Berliner Bischof und EKD-Ratsvorsitzende Kurt Scharf war damals in Ulm dabei. Für ihn markierte diese Erklärung einen „Schulterschluss“ zwischen dem evangelischen Süden und dem Westen Deutschlands. Auch Theophil Wurm erkannte: „Nachdem die Bewegung im Westen aufgebrochen ist, darf der Süden nicht zurückbleiben.“ Es gehe um den Kern dessen, wie Protestanten ihren Glauben verstehen.

„Angesichts der mit der nationalsozialistischen Machtergreifung in allen Lebensbereichen eingeforderten Einheit erscheinen auch die herkömmlichen innerprotestantisch-konfessionellen Grenzen zwischen lutherischen, unierten und reformierten Landeskirchen weniger bedeutsam als früher“, betont der Tübinger Kirchengeschichtler Jürgen Kampmann. Manche nennen die Ulmer Erklärung auch die „Geburtsstunde der Bekennenden Kirche“.

Nach dem Gottesdienst warten die Besucher auf dem Münsterplatz auf die Bischöfe und singen den Choral „Erhalt uns, Herr, bei deinem Wort“.

Stephan Braun

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