„Gutes Sehen ist zum Luxus geworden“

Evangelische Landeskirche Württemberg

Die Nothilfemittel sind aufgebraucht, aber die Not dauert an: Diese Bilanz zieht Cornelia Weber, die Geschäftsführerin des Diakonischen Werks Tübingen, am Ende der befristeten Hilfsaktion „Wir wollen, dass Sie sehen können“. Mit einem Etat von insgesamt knapp 7.000 Euro hat das Diakonische Werk Tübingen Menschen mit geringem Einkommen beim Kauf einer Brille unterstützt.

 

Mit 130,50 Euro hat das Diakonische Werk Tübingen im Durchschnitt jede Brille bezuschusst. Seit Beginn der Aktion am 13. Januar hat die Diakonie so insgesamt 53 Menschen im Kreis Tübingen wieder zu einer besseren Sehfähigkeit und Lebensqualität verholfen, auf die sie sonst hätten verzichten müssen: Seit der Gesundheitsreform 2004 stehen Zuschüsse für Sehhilfen nicht mehr im Leistungskatalog der Krankenkassen. „Gutes Sehen ist damit zum Luxus geworden“, kritisiert Cornelia Weber und fragt: „Wo bleibt hier die Würde des Menschen?“

 

Zwei Klientinnen berichten beispielhaft, dass schlechtes Sehen erheblich höhere Folgekosten verursachen kann als ein Brillenzuschuss: Marianne W. lebt in Tübingen von der sozialen Grundsicherung. Die 82-jährige leidet unter Osteoporose und fürchtet sich vor Stürzen. Ohne eine Brille ist ihr Leben noch riskanter, werden Unfälle wahrscheinlicher. Die 63-jährige Erika J. wechselte von Hartz IV in Frührente und sucht jetzt einen Mini-Job, um ihr „Taschengeld aufzubessern“, wie sie sagt. Gute Sehfähigkeit ist Voraussetzung für die meisten Jobs. Die nötige Gleitsichtbrille hätte sie sich ohne die Unterstützung der Diakonie nicht leisten können.

 

„Diese Situation ist nicht weiter hinnehmbar“, kritisiert Cornelia Weber. Ihre Beratungstelefone stehen nicht still, weitere Bedürftige bräuchten Unterstützung. Der aus einem Diakonie-Nothilfefonds und Spenden finanzierte Brillen-Etat ist jetzt aber aufgebraucht und die befristete Aktion beendet. Cornelia Weber will sich deshalb politisch weiter für das Anliegen einsetzen: Kurzfristig fordert sie von Jobcentern und Sozialämtern, die Kosten für Brillen für Bedürftige zu übernehmen. Da entsprechende Anträge bisher in der Regel abgelehnt werden, begleiten die Diakonie-Beraterinnen ihre Klienten im Widerspruchsverfahren. Zudem prüfe sie derzeit die Möglichkeiten einer Musterklage, so Cornelia Weber. Mittelfristig fordert sie für Menschen mit geringem Einkommen die Wiederaufnahme der Brille als Hilfsmittel in den Leistungskatalog der gesetzlichen Krankenkassen. Mit dieser Forderung wird Cornelia Weber demnächst an die Tübinger Bundestagsabgeordnete Annette Widmann-Mauz herantreten, die Staatsekretärin im Bundesgesundheitsministerin ist.

Zur Quelle

Schreibe einen Kommentar

*