„Bildung darf sich nicht nur an der Wirtschaft ausrichten“

Evangelische Landeskirche Württemberg

Bad Boll. Die Reformation hat nicht nur die Kirche dauerhaft verändert, sondern auch Politik und Gesellschaft. Über aktuelle reformatorische Herausforderungen diskutierten Ministerpräsident Winfried Kretschmann und Landesbischof Dr. h. c. Frank Otfried July am Sonntag, 9. März, bei einer Tagung in der Evangelischen Akademie in Bad Boll.

„Wir haben der Reformation viel zu verdanken, wenn wir an die in unserer heutigen Gesellschaft verankerte Glaubens- und Gewissensfreiheit denken. Auch das Recht auf Bildung und die Würde und Verantwortung jedes Einzelnen wurden durch die Reformation vorangetrieben“, betonte Ministerpräsident Winfried Kretschmann. „Der Zugang zu Bildung prägt das soziale Gesicht einer Gesellschaft.“ Durch reformatorische Impulse sei die Säkularisierung der Gesellschaft forciert worden, hob Landesbischof July hervor. Er bewertete die Bildung als eines der elementaren Themen der Zivilgesellschaft und forderte, den Bildungsbegriff ganzheitlich auszurichten: „Bildung darf sich nicht nur an der Wirtschaft ausrichten.“

Diskussion um Bildungsplan
Bildung habe die Aufgabe, die eigene Urteilskraft und damit die Toleranz der Kinder und Jugendlichen zu stärken – und nicht die Funktion, ihnen eine bestimmte Auffassung einzutrichtern. Dieser Vorwurf sei im Zuge der Diskussion über sexuelle Vielfalt im Bildungsplan gegenüber der Landesregierung erhoben worden, sagte Kretschmann. „Die Onlinepetition der Gegner des Bildungsplans wirft uns eine moralische und pädagogische Umerziehung vor. Ein solcher Vorwurf stellt uns in die Nähe totalitärer Regime. Das geht auf gar keinen Fall und muss mit aller Entschiedenheit zurückgewiesen werden“, betonte der Ministerpräsident.

„Das Arbeitspapier über den Bildungsplan der Landesregierung hat Interpretationsbedarf“, entgegnete July. „Diesen hat die Kirche in ihrem Papier eingefordert.“ Der Landesbischof sprach sich für Toleranz und gegen die Ausgrenzung von Menschen aufgrund ihrer Identität aus. Themen, die gesellschaftlich umstritten seien, müssten auch in der Schule so dargestellt werden, forderte der Landesbischof.

Reformation als „Veranstaltung für alle“
Einig waren sich beide Gesprächspartner, dass die Reformation breite Auswirkungen auf die säkularen Gesellschaftsbereiche ausgeübt habe. „Das jüngst erschienene Sozialpapier beider Kirchen mit seinen wirtschaftlichen Überlegungen ist eine Frucht der Reformation“, sagte Landesbischof July. Er schlug vor, „das Konzept der Sozialen Marktwirtschaft weltweit zu exportieren“, um Missstände in der Ökonomie zu verhindern. Für Kretschmann stünden reformatorischen Kirchen vor einer großen Herausforderung. Für ihn stehe fest: „Die Reformation ist keine Veranstaltung für Christen, sondern für alle.“ In einer pluralistischen Welt müssten sich die Kirchen noch stärker als bisher einigen, er rief daher zu mehr Ökumene auf.

Mit der Tagung „Ändern ist leicht, bessern ist schwer. Die Reformation der Gesellschaft neu denken“ (7. bis 9. März 2014) in der Evangelischen Akademie Bad Boll wurde eine Tagungsreihe der Evangelischen Akademien in Deutschland (EAD) zum Reformationsjubiläum 2017 eröffnet. „Die gesellschaftliche Aktualität der Reformation“ ist ein EAD-Netzwerkprojekt mit Unterstützung der Bundeszentrale für politische Bildung/bpb zum Reformationsjubiläum 2017.

Dr. Claudia Mocek

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