Ehrenamtliche halten Gotteshaus in Schuss

Evangelische Landeskirche Württemberg

Herrenberg. Um die Werkstatteinrichtung würde so mancher Handwerker die Bauhütte der Herrenberger Stiftskirche beneiden. Für grobe Metallarbeiten kann sie sogar in einen separaten Raum mit einer Schmiede ausweichen, in der großen Werkstatt im Erdgeschoss des Dekanats am Schlossberg stehen zur Metallbearbeitung Drehbänke und Fräsen, daneben Sägen, eine Drechselbank und eine Hobelmaschine für die Holzarbeiten. Erst im vergangenen Jahr haben die Bauhütten-Mitarbeiter einen Abzug für die Holzwerkstatt installiert. Jeden Mittwochabend treffen sie sich im Dekanat, aber auch an den meisten anderen Tagen in der Woche wird dort fleißig gearbeitet. Die Herrenberger Stiftskirche ist eine der wenigen in der Region Stuttgart und in Württemberg, die eine eigene Bauhütte haben. Eine Besonderheit aber ist: alle engagieren sich fast ausschließlich ehrenamtlich.

Seit rund 22 Jahren gibt es sie nun. Keine Zeit im Vergleich zu der Handwerkstradition an großen Münstern, wie etwa Ulm oder gar Straßburg, wo die Mitarbeiter angestellt sind. Aus der Taufe gehoben wurde sie von Fritz Hanßmann, bis heute der Chef und Spiritus Rector, im Jahr 1992. Alles begann mit dem Umbau des Gemeindehauses in der Erhardtstraße. Weil damals für das Projekt umgerechnet etwas mehr als 40.000 Euro fehlten, fand sich eine kleine Gruppe Ehrenamtlicher um Hanßmann, die einen Teil der Arbeiten in ihrer Freizeit erledigten. Die Truppe war am Ende des Umbaus so eingespielt, dass sie sich fragte: Was machen wir jetzt?

Technisches Know-how kein Muss, aber von Vorteil

Neue Aufgaben waren rasch gefunden: die Erhaltung der Stiftskirche neben dem Auf- und Ausbau eines Glockenmuseums, für das die Bauhütte diverse Glockenstühle gezimmert und die Mechanik für das Carillon konstruiert hat. Ihre Ziele verfolgen Hanßmann und die Bauhütten-Truppe mit Elan. „Meine Frau sagt, ich sei mit der Stiftskirche verheiratet“, sagt der Ingenieur und ehemalige technische Leiter des Herrenberger Krankenhauses und lacht. Das Grüppchen von einst fünf Mann zählt aktuell 25 Männer und eine Frau.

Susanne Wilhelm steht an der Dekupiersäge. Sie beginnt das auf die Holzplatte aufgemalte Muster auszusägen, als das Sägeblatt reißt. Seit knapp zwei Jahren mache sie bei der Bauhütte mit, sagt die Frau des Dekans, die Architektin ist: „Mir hat es schon immer gefallen, handwerklich zu arbeiten.“ Das kann sie in der Bauhütte. „Ich gestehe jedem zu, sich so einzubringen, wie er kann und will“, sagt Hanßmann.

Technisches Knowhow ist kein Muss, aber von Vorteil. Werkzeugmacher, Mechanikermeister, Elektriker, ein Flaschner, ein Kupferschmied, aber auch ein Physiker, ein Chemiker und sogar ein Mediziner haben zur Bauhütte gefunden. Das Durchschnittsalter des Teams liege bei 75, sagt Hanßmann, der für Projekte noch auf eine Handvoll berufstätiger Ehrenamtlicher zurückgreifen kann.

5000 Euro für die Spitalkirche

An Aufträgen mangelt es der Bauhütte nicht. Sie leistet jährlich zwischen 4000 und 4500 Arbeitsstunden. Gearbeitet wird das ganze Jahr über, nur in der Weihnachtszeit sei die Werkstatt für zwei Wochen geschlossen, so Hanßmann. Weil er und seine Mitstreiter tatkräftig dabei helfen, die Stiftskirche in Schuss zu halten, spart die Gemeinde bares Geld. Er sei sehr dankbar dafür, sagt der Dekan Eberhard Feucht. Denn die Erhaltung der Stiftskirche sei eine Riesenaufgabe. Die Bauhütte mache aber auch ehrenamtliches Engagement sichtbar, so Feucht: „Wir brauchen Menschen, die Ideen umsetzen.“ Wie etwa die, zur Kirchengemeinderatswahl die Stiftskirche mit einem Wahlbanner zu schmücken. Es sei das größte innerhalb der Landeskirche gewesen, sagt Feucht: „Ohne die Bauhütte hätten wir das nicht realisieren können.“

Obendrein bringt die Bauhütte der Kirchengemeinde Geld. Denn sie verkauft zum Beispiel Holzuntersetzer, Wetterfahnen und Weihnachtsschmuck aus altem Kupferblech von Kirchendächern bei den Glockenkonzerten, auf dem Weihnachtsmarkt oder in der Werkstatt. Ein Teil des Erlöses investiert sie in Werkzeug. Den Rest gibt sie für gute Zwecke aus. So unterstützt sie zum Beispiel mit 5000 Euro die Sanierung der Spitalkirche in der Herrenberger Innenstadt. Geld fließe auch regelmäßig an die Diakoniestation in die rumänische Partnerkirchengemeinde, sagt Hanßmann.

Ende des Monats wird der Bauhütten-Leiter 75. „Ich bin dankbar, das alles vom Verstand her und körperlich machen zu können“, sagt Hanßman und zeigt auf die Maxima auf der Wiese vor der Stiftskirche. Sie zählt zu den tontiefsten Glocken im Land, Hanßmann will sie läutbar machen. Nein, die Ideen gehen ihm gewiss nicht aus.

Bauhütten

Auf den Großbaustellen der gotischen Kathedralen im späten Mittelalter wurde in der Regel an Ort und Stelle eine Bauhütte eingerichtet. Zu ihr gehörten verschiedene Handwerker, wie Steinmetze, Maurer, Zimmermänner, Schmiede und Glaser. Nach Angaben der Evangelischen Landeskirche Württemberg gibt es Bauhütten heute noch in Ulm, Esslingen – und eben Herrenberg.

Ulm 

Mit Baubeginn des Ulmer Münsters im Jahr 1377 entstand auch dort eine Bauhütte. Als 1543 die Arbeiten am Münster eingestellt wurden, löste sich auch die Bauhütte auf. Wieder gegründet wurde sie im Jahr 1844, drei Jahre später der erste nachmittelalterliche Baumeister ernannt und das Münster schließlich fertig gestellt. Noch heute gibt es eine Münsterbauhütte mit einer Steinmetzwerkstatt, die für die Restaurierung des Gotteshauses mitten in der Stadt zuständig ist. Die Mitarbeiter sind bei der Münsterbauhütte angestellt.

Esslingen 

Auch an der Frauenkirche gibt es eine Bauhütte, genauer gesagt ein Team von Steinmetzen, die sich um die Erhaltung des Gotteshauses kümmert. Mit seinem Bau wurde 1325 begonnen. Vor allem die mit Schadstoffen belastete Luft setzt dem Sandstein zu.

Interessenten 

Wie die Bauhütte der Herrenberger Stiftskirche funktioniert, hat deren Leiter Fritz Hanßmann bereits wiederholt Kirchen­gemeinden in Backnang, Schorndorf und Winnenden (Rems-Murr-Kreis) erläutert.

(Quelle: http://Stuttgarter Zeitung)

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