Jahreslosung 2014: „Gott nahe zu sein ist mein Glück.“

Evangelische Landeskirche Württemberg

„Ein Geschenk ist etwas Wertvolles! Kleine Kinder – und auch große – freuen sich riesig, wenn man ihnen ein Geschenk überreicht. Buntes Geschenkpapier macht neugierig: was wohl darin eingepackt ist? Oder bei einem Brief ohne Absender: Von wem der wohl ist?

Dann folgt – hoffentlich! – die Freude über eine gelungene Überraschung: ein passendes Geschenk, ein unvermuteter Brief der Freundin oder des Freundes. Was für Glücksmomente! Etwas, das ich mir nicht selbst ausgemalt habe, sondern das mich positiv überrascht. – So könnte man das Gefühl von Glück umschreiben.

Auch die Jahreslosung spricht von Glück: ,Gott nahe zu sein ist mein Glück.‘ Aber: Kann ein Mensch eigentlich Gott nahe sein? Ist er uns nicht vielmehr oft verborgen? Viele Menschen fragen: In den Katastrophen der Welt, wo finde ich da Gott?

In der Bibel wird berichtet, dass auch Jesus, Gottes Sohn, sich von Gott verlassen fühlte: ,Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen?‘ ruft Jesus am Kreuz. Darin klingt Psalm 22 an: ,Ich schreie, aber meine Hilfe ist ferne. Mein Gott, des Tages rufe ich dich, doch antwortest du nicht, und des Nachts, doch finde ich keine Ruhe.‘ – Bedeutet dies, dass Christen nur das Gute, das Glück, mit Gott verbinden können? Dass in Zeiten des Unglücks Gott aber fern ist?

Nein. Denn der Psalmbeter weiß, dass Gott mir im Gebet nahe sein kann – nicht nur in hellen Glückszeiten, sondern auch in dunklen Trauerzeiten. Schlimmer als Schmerz und Trauer ist, keinen Ort der Klage zu kennen, wie Hiob sagt: ,O hätte ich einen, der mich anhört‘ (Hiob 31,38). Wem Gott nahe kommt, der erfährt bereits darin Trost. Denn Trost hat mit Vertrauen zu tun. Wer Trost erfährt, hat einen Halt, auf den er vertraut. In Krankheitsfällen in meiner Familie habe ich dies besonders intensiv erfahren. Oftmals gehörte Psalmworte verwandelten sich in wirkliche ,Gesprächspartner‘, die mich leiteten. Bei aller Belastung wurde deshalb das Psalmwort wahr:

,Gott nahe zu sein ist mein Glück.‘

Psalmen sind auch Lieder. Kein Wunder, denn was sich nur schwer in Worte fassen lässt, kann man über die Musik viel besser sagen. ,Wo die Sprache aufhört, fängt die Musik an‘, sagte E. T. A. Hoffmann. Musik ist unmittelbarer Ausdruck von Gefühlen. Im Lied interpretieren die Stimme und die Tonart das Gesagte um ein Vielfaches mehr als das gesprochene Wort. Wie lässt sich ein Glücksgefühl besser ausdrücken als über die Musik?

Das deutsche Wort ,Glück‘ ist jünger als die Bibel. Was wir damit umschreiben, klingt in unseren Ohren oftmals flüchtig. Zum Beispiel in der Redewendung ,gerade nochmal Glück gehabt‘. Glück ist nicht nur sehr zufällig, sondern oft auch schnell wieder verschwunden.

Das hebräische Wort in der ursprünglichen Überlieferung dagegen bedeutet eigentlich ,gut‘. Dahinter verbirgt sich noch mehr, als wir im Deutschen oft mit Glück verbinden. Es ist sozusagen das ,langfristige Glück‘. Nicht nur ein zufälliger Moment, ein Wink des Schicksals, sondern vielleicht eine Lebenshaltung – wie Martin Luther übersetzt: ,Das ist meine Freude, dass ich mich zu Gott halte.‘

Luther hat natürlich die Bibel durch seine Übersetzung nicht nur ins Deutsche übertragen, sondern bereits interpretiert. In die Lebenswelt der Menschen übersetzt. Ähnliches vollzieht die Einheitsübersetzung – daher das modernere Wort ,Glück‘. Es macht im Übrigen deutlich, dass dieses Glück nicht von mir abhängt, sondern als Gottes Geschenk zu verstehen ist. Das ,Glück‘ für Israel und den einzelnen Menschen liegt bei Gott. So wird im ersten Vers des Psalms festgestellt, dass Gott ,lauter Güte für Israel‘ ist. Weil Gott gut ist, ist sein Nahen gut für mich:

,Gott nahe zu sein ist mein Glück.‘

Was kann dieses Glück bedeuten, Gott nahe zu sein?
Auch wenn sie es noch nicht so nennen, so kennen auch Menschen in der Bibel Glücksmomente. Abraham und Sara sind schon sehr alt. Sie haben keine Kinder, und glauben nicht daran, dass sie noch irgendwann Eltern werden. Da hört Abraham eines Nachts eine Stimme: Abraham, ,sieh doch zum Himmel hinauf und zähl die Sterne, wenn du sie zählen kannst. Und er sprach zu ihm: So zahlreich werden deine Nachkommen sein‘ (1. Mose 15,5). Als Sara davon erfährt, dass sie in ihrem Alter ein Kind zur Welt bringen soll, lacht sie spöttisch. Dieses ungläubige Lachen verwandelt sich erst nach der Geburt in ein glückliches Lachen. Die glücklichen Eltern verstehen die Geburt ihres Kindes als Geschenk des Himmels und nennen ihren Sohn ,Isaak‘ – das heißt übersetzt: ,er lacht‘. In dieser Geschichte können vielleicht auch wir uns wiederfinden. Denn Gottes Handeln ist uns oft nicht auf den ersten Blick verständlich. Manches können wir im Nachhinein besser verstehen, manches bleibt uns auch schmerzlich verborgen.

Aber: glücklich ist, wer auf die Wunder im Leben Acht hat. Wer mit offenen Augen und weitem Herzen durch das Leben geht, in der Haltung, mit dem Handeln Gottes zu rechnen. Zu diesem Schluss kommt der Beter des 73. Psalms: ,Dennoch bleibe ich stets an dir, denn du hältst mich bei meiner rechten Hand; … Wenn mir gleich Leib und Seele verschmachtet, so bist du doch, Gott, allezeit meines Herzens Trost und mein Teil‘ (Psalm 73,23.26 nach Martin Luther). In diesem göttlichen Trost lassen sich Krisenzeiten durchstehen und überwinden. In dem festen Vertrauen auf Gott, der Wunder tut, so dass ich schließlich anderen davon erzähle, wie es in Psalm 73,28 weiter heißt: ,Ich will all deine Taten verkünden.‘

Möge Gott uns ein fröhliches Herz schenken, und zahlreiche Momente, in denen wir vor Freude, Überraschung und Glück lachen, weil wir das Geschenk spüren: Gott ist mir nah. Und möge diese Jahreslosung darüber hinaus wie eine Melodie sein, die unserem Leben zu Grunde liegt:

,Gott nahe zu sein ist mein Glück.'“

Dr. h.c. Frank Otfried July
Landesbischof

Im Brunnen Verlag ist unter dem Titel „Gott nahe zu sein ist mein Glück“ 2013 ein Lesebuch erschienen. Es wird von Dr. Christoph Morgner herausgegeben und enthält Beiträge von Landesbischof July, Steffen Kern, Christine Lieberknecht, Andreas Malessa, Hermann Gröhe, Christoph Zehendner u. v. a..

Zur Quelle

Schreibe einen Kommentar