Weihnachten ändert die Perspektive

Evangelische Landeskirche Württemberg

Weihnachten hat einen politischen Hof. Sogar einen weltpolitischen Hof. Das finde ich immer wieder erstaunlich an der biblischen Weihnachtsgeschichte. Und noch erstaunlicher ist die Perspektive, aus der Lukas erzählt, wie er auf die Welt blickt. Naiv oder dreist könnte man seine Perspektive finden angesichts der realen Machtverhältnisse: „Es begab sich zu der Zeit, dass ein Gebot von Kaiser Augustus ausging, dass sich alle Welt in Steuerlisten eintragen sollte. Und Josef machte sich auf nach Bethlehem, mit seiner Verlobten Maria, mit ihrem Jesus im Leib.“

Der radikale Perspektivenwechsel wird deutlich an den Personen: hier Augustus, dort Jesus. Und an den Schauplätzen: hier Rom, dort Bethlehem. Beide Motive zeigen: Lukas sieht die Welt anders. Der Glaube sieht die Welt aus einer anderen Richtung. Nur so kann für ihn aus der Geschichte eine gute Nachricht werden. Indem er die Verhältnisse zwischen Zentrum und Peripherie, Metropole und Provinz verschiebt.

Die Sichtweise des Glaubens ist so naiv und dreist. Wir sind gewohnt, dass die Metropole den Blick auf die Welt bestimmt. Dort sitzt die Macht, die das Geschehen diktiert. Weihnachten ändert das Bild: Rom wird zum Rahmen, zum Hintergrund. Ins Zentrum rückt die Provinz, Bethlehem, die jüdische Kleinstadt am Rand der Welt. Genauso bei den Personen. Augustus hat es real damals sicher nicht gekümmert, was er mit seinem Befehl auslöst. Was interessiert es die Mächtigen, wenn in China ein Sack Reis umfällt oder ein Kind einfacher Leute auf die Welt kommt. Aber Lukas interessiert es. Und vor allem: Er ist so mutig zu glauben, dass es Gott interessiert. Lukas rückt die Provinz ins Zentrum, weil er glaubt, dass Gott da ist in den Winkeln der Welt. Dort wo wir einfachen Leute versuchen, mit unserem Leben in Würde klarzukommen. Auch in den Metropolen sucht Gott eher die Winkel auf. Den Blickwechsel von Weihnachten nehme ich auch ganz persönlich: Gott interessiert sich auch für die dunklen Seiten meines Lebens, wo mein Leben schmerzt und mir schwer fällt. Wo ich hilfs- und erlösungsbedürftig bin.

Weihnachten hat einen politischen Hof. Ich glaube, es ist gut, wenn wir heute die Geschichte des Lukas mutig weitererzählen. Das heißt: politisch denken und Politik machen aus der Perspektive von Menschen „im Winkel“. Zum Beispiel aus der Sicht der syrischen Flüchtlinge oder indem wir die Perspektive der armen Kinder in unseren Städten einnehmen und gerade ihnen eine gute Zukunft eröffnen. Oder aus der Perspektive alter Menschen, die ein Recht haben auf würdevolles Leben, bis zum Tod.

Wolf-Dieter Steinmann

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