Warum Advent auch eine Zeit der Sehnsucht ist

Evangelische Landeskirche Württemberg

Die Adventszeit ist für mich die Zeit der Sehnsucht. Dieses Gefühl begleitet mich jedes Jahr durch die Tage vor Weihnachten und ist irgendwie immer da. Dabei kann ich noch nicht einmal genau sagen, wonach ich mich sehne, irgendwie nach allem.

„Inniges, schmerzliches Verlangen“, so erklärt mein Wörterbuch den Begriff Sehnsucht. Und ich finde, das stimmt: Zur Sehnsucht gehört, dass man das, wonach man sich sehnt, nicht hat, sonst würde man sich ja nicht danach sehnen. Wer Sehnsucht hat, vermisst also etwas.

Trotzdem ist die Sehnsucht kein unangenehmes Gefühl. „Hallo Sehnsucht, schön, dich hier zu sehn“, singt Wolf Maahn in einem seiner Lieder. Da beschreibt er, wie er in einem Café sitzt, auf die Straße schaut und die Sehnsucht ihn plötzlich alles mit anderen Augen sehen lässt:  „[Du] mal[st] die braven deutschen Häuser in verheißungsvolles Licht / und dem immer ernsten Zeitungsmann ein Lächeln ins Gesicht.“

Die Sehnsucht zeigt mir nicht nur, was ich vermisse und was nicht so ist, wie es sein sollte. Die Sehnsucht zeigt mir auch, wie es sein könnte. Sie zeigt, was eigentlich drin steckt: in den „braven Häusern“, im „ernsten Zeitungsmann“, in mir, meinem Leben, in dieser Welt. Die Sehnsucht sagt: „Schau mal hin, so könnte das alles eigentlich sein!“ Das ist das Schöne an der Sehnsucht.

„Das sind doch bloß Träume“, sagen Sie? Für mich nicht. Und das hat etwas mit Weihnachten zu tun, mit der Geburt von Jesus. Das Kind in der Krippe zeigt mir, dass sich tatsächlich was ändern kann und wird: Da liegt ein Kind in der Krippe, neu geboren, kann noch nichts, außer schreien und in die Windeln machen – aber es hat jede Menge Zukunft und Möglichkeiten.

Und als Erwachsener hat Jesus sich dran gemacht, die Dinge tatsächlich zu verändern. Er hat von einer anderen, besseren Welt gesprochen und andere motiviert, mitzuhelfen, dass diese neue Welt wirklich kommt – „Reich Gottes“ hat er sie genannt. Und die Menschen haben gespürt: Jesus redet nicht nur davon. Er ist selbst ein Teil dieser neuen Welt. Kranke hat er geheilt. Und Menschen, die in ihrem Leben Fehler gemacht haben, konnten bei ihm ihre Last loswerden und neu anfangen.

In der Adventszeit erinnern wir Christen uns an die Geburt von Jesus. Damit hat das „Reich Gottes“ angefangen. Die neue Welt, die so ist, wie Gott sie sich gedacht hat. Ich glaube: Sie wächst überall da, wo Menschen im Sinne Jesu leben. Und eines Tages wird Gott sie dann vollenden.

Vielleicht ist deshalb die Adventszeit für mich eine Zeit der Sehnsucht.

Zur Quelle

Schreibe einen Kommentar

*