„Die Debatten zum Familienpapier sind nicht abgeschlossen“

Evangelische Landeskirche Württemberg

Bad Boll. „Die Debatten zum Familienpapier sind längst nicht abgeschlossen“, so lautet das Fazit von Landesbischof Dr. h.c. Frank Otfried July über die Konsultation zur EKD-Orientierungshilfe am Freitag und Samstag (22./23.11.2013) in der Evangelischen Akademie Bad Boll. Rund 100 Teilnehmende aus der Kirche und der Wissenschaft hatten über das Ziel, den theologischen Hintergrund und die Umsetzung des Papiers diskutiert. July dankte allen Beteiligten und will der noch zu wählenden Synode vorschlagen, die Debatte über die Familie in der württembergischen Landeskirche vertieft zu führen. Außerdem regte er ein sozialpolitisches Forum an, um die konkreten Umsetzungen zu diskutieren: „Wir müssen auch in der Kirche und in der Diakonie als Arbeitgeberin Zeichen setzen.“

Die Referentinnen und Referenten, die an der Entstehung des Familienpapiers beteiligt waren, machten deutlich, dass die Ausgangsfrage für die Orientierungshilfe eine sozialpolitische gewesen sei. Deren Untersuchung aufgrund einer Studie, die als eine der ersten sowohl die Entwicklungen in der BRD als auch in der DDR berücksichtigt habe, habe zu politischen und praktisch-theologischen Empfehlungen geführt.

Im Streitgespräch der Verantwortlichen der Gesprächskreise der württembergischen Landeskirche wurde deutlich, dass alle Vertreterinnen und Vertreter einen sozialpolitischen Handlungsbedarf sehen, um die Familie zu stärken. Hier sei auch die Kirche als Arbeitgeberin gefragt. Unterschiedliche Auffassungen gab es jedoch über den Familienbegriff: Wie gelingt es Kirche, mit den unterschiedlichen Lebensmodellen – wie zum Beispiel gleichgeschlechtliche Partnerschaften, Alleinerziehende und Regenbogenfamilien – würdigend und respektvoll umzugehen?

Die vier Theologen setzten sich mit der „Theologischen Orientierung“ auseinander. Gemeinsam machten sie deutlich, dass dort die Frage der Institutionalität von Ehe zu kurz gekommen sei. Genauso hoben sie in überraschender Einigkeit hervor, dass neben der notwendigen Würdigung aller Formen familialen Zusammenlebens Theologie und Kirche die Aufgabe hätten, an einem gemeinsamen Bild geschlechterbezogenen Beziehungsverhältnisse zu arbeiten. Die Beachtung homosexueller Lebensgemeinschaften sei dabei ein Baustein.

Peter Dabrock sagte, dass er sich nicht sicher sei, ob man für hetero- und homosexuelle Gemeinschaften den gleichen Begriff verwenden müsse. Die Ehe müsse als besondere Form des Zusammenlebens gewürdigt werden. Auch Isolde Karle machte stark, dass die Ehe auch für junge Menschen ein attraktives Lebensmodell sei. Ehe sei eine die Komplexität reduzierende Institution von kaum zu unterschätzendem Wert. Gerade von dieser Wertschätzung der Ehe her gehe es auch darum, andere Lebensbeziehungen ausreichend zu würdigen. Dem stimmte auch Klaus Tanner zu, der deutlich machte, wie stark die Wirkungsgeschichte der biblischen Worte das Verständnis von Ehe und Familie präge. Wie biblische Zeugnisse unter Einschluss der Wirkungsgeschichte gelesen werden könnten, sei eine gewichtige kirchliche und theologische Herausforderung. Wilfried Härle schloss daran an und führte aus, dass die Bibel einen Schatz an Einsichten zum Verständnis von Ehe und Familie enthalte, die der gesellschaftlichen Auseinandersetzung nicht vorenthalten werden dürften.

Der sozialpolitische Fokus der Orientierungshilfe kam in der abschließenden Gesprächsrunde mit Fachleuten aus der kirchlichen Praxis zur Sprache. Bedauert wurde, dass die Fixierung auf die theologischen Begründungen im Papier den Blick auf die vielen wichtigen familienpolitischen Themen verstellt habe. Wie die Kirche mit der Spannung zwischen lebensdienlichen Leitbildern und der gelebten Realität umgehen solle, blieb als offene Frage ebenso wie die Forderung, dass aus dem Diskurs über die Frage homosexueller Lebenspartnerschaften endlich konkrete Handlungen folgen müssten.  

Einig war man sich über die Herausforderungen, vor der die Kirche selbst steht, wenn sie sozialpolitische Forderungen an die Politik richtet. Die Kirche müsse als Arbeitgeberin Vorbild und Innovationsmotor in Fragen der Vereinbarkeit von Familie, Beruf und Ehrenamt sein. Die Gehaltsstruktur von Berufen im primären Bildungs- und im Pflegebereich müsse verändert werden, um die Altersarmut von Frauen und die drohende Carekrise abwenden zu können. Kirche und Diakonie seien aufgerufen, Frauen und Männer bei der Neuverteilung und Neubewertung von Erwerbs- und Fürsorgearbeit zu unterstützen. Nachdrücklich wurde an das noch immer bestehende Ungleichgewicht zwischen den Geschlechtern bei der Verteilung von Erwerbs- und Carearbeit erinnert. Bestehende Netzwerke zur Familienarbeit seien zu fördern, gelingende Beispiele guter Praxis aus Modellprojekten müssten in die Fläche gebracht werden, etwa Familienzentren in Gemeinden. Gemeinsam forderten die Beteiligten deshalb eine Fortsetzung der Konsultation mit einem sozialpolitischen Forum im nächsten Jahr.

Claudia Mocek

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