„Ohne höhere Pflegesätze geraten Träger in Schieflage“

Evangelische Landeskirche Württemberg

Die Tarifsteigerungen im Bereich der ambulanten Pflegedienste müssten bei den Pflegesatz-verhandlungen angemessen berücksichtigt werden, appellierte der Kaufmännische Vorstand der Bruderhausdiakonie, Rainer Single, an die Pflege- und Krankenkassen, die Kommunen und Landkreise. „Sonst geraten die Träger in eine Schieflage“, warnte er bei der jährlichen Bilanzpressekonferenz am Dienstag, 23. Juli in Reutlingen. Pfarrer Lothar Bauer beschrieb als Vorstandsvorsitzender der Bruderhausdiakonie die zunehmende Dezentralisierung und Vernetzung im Bereich der Alten- und Behindertenhilfe als eine „Entwicklung mit Mehrwert für die Betroffenen“.

 

Kooperation gehe vor Konkurrenz zwischen verschiedenen diakonischen Trägern, betonte Pfarrer Bauer: So betreibe man in Münsingen das Gemeindepsychiatrische Zentrum Kroneneck gemeinsam mit der Samariterstiftung. Als Beispiel für eine gelungene Industrie-Kooperation nannte Bauer die Verpackung von Zylinderkopfschrauben der Firma Elring Klinger in einer Werkstatt für behinderte Menschen in Dettingen/Erms. In der Reutlinger Citykirche arbeite man als Catering-Anbieter mit Kirchengemeinden zusammen, am Reutlinger Runden Tisch Anti-Diskriminierung sei die Bruderhausdiakonie federführend in der Kooperation mit Migrantenvereinen. „Die Strukturen des Gemeinwesens und die Kompetenzen der Bruderhausdiakonie schaffen für die Betroffenen einen Mehrwert, den keiner der Partner alleine bieten könnte“, zeigte sich Bauer überzeugt.

 

Ältere Menschen und Menschen mit Behinderungen wollten zunehmend selbstbestimmt und selbstständig leben, berichtete der Fachliche Vorstand Günter Braun: Diesem Bedürfnis komme die Bruderhausdiakonie entgegen durch eine Dezentralisierung der Wohneinheiten. So habe man eine große Behindertenhilfe-Einrichtung mit 130 Plätzen in Seewald-Schernbach (Kreis Freudenstadt) aufgelöst und stattdessen in Horb, Freudenstadt und Altensteig kleinere Einrichtungen mit jeweils 24 Plätzen geschaffen. Angegliederte Unterstützungszentren mit Angeboten zur Tagesstruktur sollen es mehr Menschen ermöglichen, in den eigenen vier Wänden zu leben. Um dafür geeigneten Wohnraum zu schaffen, müsse der soziale Wohnungsbau aber mehr gefördert werden, forderte Braun. Damit Menschen auch im Alter sicher und selbstbestimmt zu Hause wohnen bleiben könnten, habe die Bruderhausdiakonie als federführender Projektpartner eine Computertechnik mit entwickelt, mit deren Hilfe  Stürze in der Wohnung registriert und Notrufe ausgelöst werden können, ohne dass die Privatsphäre dabei verletzt wird.

 

Die Bilanzsumme der Bruderhausdiakonie sei um vier Prozent auf 305 Millionen Euro gestiegen, berichtete Rainer Single. Allerdings habe man im Saldo nur eine schwarze Null erreicht: 15 der insgesamt 26 Teilbereiche der Bruderhausdiakonie hätten einen Gewinn erwirtschaften können, dafür seien die restlichen elf Bereiche ins Minus gerutscht. Die weitere Quersubventionierung der Jugend- und Altenhilfeeinrichtungen durch die ertragsstärkeren Behindertenhilfe- und Eingliederungshilfeeinrichtungen sei mittelfristig gefährdet, warnte Single: Personalkostensteigerungen von 6,7 Prozent infolge von Tarifsteigerungen und 50 neu geschaffenen Stellen sowie die geringeren Zins- und Vermögenserträge ließen die Rücklagen abschmelzen wie Schnee in der Sonne, so Single.

 

Die Bruderhausdiakonie mit Stammsitz in Reutlingen betreibt 36 Einrichtungen in 15 baden-württembergischen Landkreisen zwischen Stuttgart, dem Schwarzwald, der Region Neckar-Alb und dem Bodensee. 3.981 Mitarbeitende betreuen rund 10.000 Menschen im Bereich der Jugend-, Behinderten- und Altenhilfe sowie der Sozialpsychiatrie.

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