"Gastronomie darf Industrielöhnen nicht hinterherhinken"

Evangelische Landeskirche Württemberg

Gastfreundschaft sei ein hohes Gut in der Kirche und im Tourismus, sagte der Reutlinger evangelische Prälat Professor Dr. Christian Rose und zitierte aus dem neutestamentlichen Hebräerbrief: „Dadurch haben einige ohne ihr Wissen Engel beherbergt“. Unter dem Thema „Willkommen daheim – Gastfreundschaft in Tourismus und Kirche“ hatte er am Donnerstag, 18. April gemeinsam eingeladen mit dem Arbeitskreis Evangelischer Unternehmer (AEU) und dem baden-württembergischen Landesverband des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbands (Dehoga) zum zehnten Reutlinger Gespräch Wirtschaft – Kirche, das diesmal im Bad Uracher Kursaal stattfand.

 

Kirche, Rathaus und Wirtshaus seien die Grundpfeiler des öffentlichen Lebens gerade in ländlichen Gebieten, erklärte Dehoga-Präsident Peter Schmid in seinem Impulsreferat. Die bedingungslose Gastfreundschaft der Kirche und die professionelle Gastfreundschaft im Tourismus seien aber nicht vergleichbar: „Wer das Gastgeber-Sein zum Beruf macht, muss davon leben können“, betonte Schmid: „Das schließt herzliche Gastfreundschaft keineswegs aus.“ Der Fachkräftemangel in der Gastronomie habe auch finanzielle Ursachen, erklärte der Dehoga-Präsident, der selbst auch Inhaber und Küchenmeister des Bad Uracher Hotels Graf Eberhard ist: „Wir dürfen den Löhnen der Industrie nicht hinterherhinken!“ Dies habe auch Konsequenzen für die Speisekarte: „Ein Tagesessen darf man nicht für 5,50 Euro verkaufen“, forderte er. Im Preiskampf habe sonst nur noch die Systemgastronomie mit standardisierten Filialen und gemeinsamem Großeinkauf eine Chance, individuelle Einzelunternehmer würden dagegen verschwinden.

 

Pfarrerin Bärbel Hartmann erklärte als Leiterin des evangelischen Einkehrhauses Stift Urach, zwar müsse man auch in kirchlichen Einrichtungen verantwortlich umgehen mit den Finanzen, doch dürfe man nicht dem Kommerz erliegen: „Wir möchten den Gast nicht mit seinem offenen Geldbeutel sehen, sondern mit dem, was er jetzt braucht.“ Sie verwies auf den spirituellen Ursprung des Tourismus: „Pilger waren die ersten Touristen“, sagte Pfarrerin Hartmann: „Mönche haben erkannt, dass sie Herberge brauchen“. Dieser Tradition fühle man sich im Stift Urach verpflichtet. Dabei wolle man dem Beispiel Jesu folgen und sowohl für den Leib als auch für die Seele sorgen. Kirchliche Gastfreundschaft sei bedingungslos, aber nicht grenzenlos, so Hartmann: „Mich hat der Kellner beeindruckt, der sich vor Kurzem geweigert hat, Gäste weiter zu bedienen, die einen behinderten Menschen in ihrer Nähe für unzumutbar hielten. Das nenne ich Zivilcourage!“

 

„Der touristische Wert eines Ortes steht und fällt mit der Gastronomie“, sagte der Calwer Journalist Andreas Steidel in der anschließenden Podiumsdiskussion: „Ohne gute Gastronomie ist der schönste Ort nicht mehr als ein Freilichtmuseum.“ Die Freudenstädter Tourismusseelsorgerin Heike Hauber lobte die Großzügigkeit, die sie in der Gastronomie wahrnehme: „Davon können wir als Kirche etwas lernen!“ Egon Finkbeiner, Gastwirt und evangelischer Kirchengemeinderat aus Freudenstadt-Kniebis, zeigte sich überzeugt: „Die Gastronomie ist viel flexibler als unsere Kirche!“ Er warnte: „In unserer Branche haben alle diejenigen Nachwuchsprobleme, die zu viel arbeiten: Sie geben ihren Kindern ein abschreckendes Beispiel.“ Gerhard Klose von der Dehoga-Kreisstelle Reutlingen beklagte Denunziationen in Internetportalen: „Mit fairen, ehrlichen Bewertungen kann man gut leben, aber wenn’s unter der Gürtellinie ist und dann drei Jahre so stehen bleibt, tut das im Herzen weh.“

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