„Damit sich diese Schweinerei nicht wiederholt!“

Evangelische Landeskirche Württemberg

Sie war erst Anfang Zwanzig, stark abgekämpft und nur mit einem dünnen Sommermantel bekleidet. Den letzten wärmenden Stoff ihres Mantels hatte sie bereits herausgenommen, um damit ihren kranken Fuß zu versorgen. Der bittere Winter und der endlose Schnee trieben ihr die Kälte bis in alle Glieder. An den Beinen trug sie nichts und an den Füßen lediglich zwei harte Holzschuhe. Um sie herum gab es viele Kranke und Verletzte. Die Schwächsten haben den Todesmarsch, auf dem sie sich befanden, nicht überlebt. Denn wer nicht weiterlaufen konnte, wurde am Abend erschossen. Lene Kessler wusste: Wenn sie dem Todesmarsch nicht entkommt, dann steht auch ihr der Tod bevor.

Heute sitzt Lene Kessler in ihrer Wohnung in Leonberg und blickt betrübt nach draußen auf den Schnee. Vor ihr liegen Fotos und Dokumente, die sie aus einer alten Kommode herausgeholt hat. Darunter ein Stammbaum, der alle Familienmitglieder auflistet. Die meisten von ihnen sind mit einem roten Stift markiert. Sie haben den Holocaust nicht überlebt. „Meine Mutter hat im Konzentrationslager innerhalb kurzer Zeit mehr als 20 Kilo verloren. Das war eine bittere Abmagerungskur. Sie war so dünn, dass man sie bei einer Selektion wohl direkt ausgesondert hat“, erzählt sie. „Auch mein Vater und mein siebzehnjähriger Bruder sind im KZ ermordet worden. Was sie genau durchlebt haben, weiß ich nicht, aber ich will es auch nicht wissen. Um die genauen Details bitte ich wirklich niemanden.“

Die Flucht vor dem Tod

Am 27. Januar 1945, als die russische Armee in Auschwitz einfiel, schickten die Nationalsozialisten Lene Kessler und Hunderte andere Gefangene auf einen langen Fußmarsch durch den Schnee Ostpreußens. Es sollte ein Todesmarsch sein auf der Flucht vor den Alliierten. Die Nazis wussten, dass sie den Krieg verloren hatten und es nicht mehr lange dauern würde, bis die Russen in deutschem Gebiet ankamen. Trotzdem schreckten sie nicht davor zurück, auch in diesen letzten Monaten ihre Todesmaschinerie weiterzutreiben. Lene Kessler war bereits in Theresienstadt gefangen und später nach Auschwitz deportiert worden. Danach ging es nach Schlesiersee, wo der Todesmarsch begann. Nach zehn langen Tagen im kalten Schnee kam die Kolonne an einem Gasthof vorbei. Lene Kessler ergriff die Chance und ließ sich unbemerkt in einen Graben fallen. „Der Graben führte über eine Brücke zum Gasthof. In diesen Graben ließ ich mich hineinfallen und versteckte mich hinter der Kellertür des Gasthofes in einer Toilette“, erinnert sie sich. „Die Wächter haben mich und zwei andere Frauen überall gesucht, aber nicht gefunden“. Aus Angst, noch einmal gefangen zu werden, gab sie sich als Deutsche aus und wurde später gerettet.

„Jeder Tag ist ein Gedenktag“

Dass nun genau achtundsechzig Jahre später, am 27. Januar 2013, ein Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus stattfindet, berührt sie persönlich nicht. „Für mich ist jeder Tag ein Gedenktag. Die vielen Toten sind immer präsent, und je älter man wird, desto näher kommt die Vergangenheit.“ Lene Kessler weiß aber, wie wichtig es für die Nachkriegsgenerationen ist, dass es einen solchen Gedenktag gibt: „Damit das, was passiert ist, nie in Vergessenheit gerät.“

Sie geht zur Kommode und legt die Dokumente und Bilder in die Schublade zurück. „Die Gedanken“, sagt sie, „die sind immer da. Jeden Tag und jede Nacht“. So einfach, wie sie die Dokumente ihrer Vergangenheit in die Schublade zurückpackt, wird sie die Erinnerungen und Bilder im Kopf nie wieder loswerden. Auch nicht mit 91 Jahren. So wie sie nicht vergessen kann, sollten auch wir immer wieder gedenken: „Damit sich diese Schweinerei nie wiederholt“, betont sie. Für sie ist wichtig: „Es muss selbstverständlich werden, dass wir niemanden umbringen, nur weil er an einen anderen Gott glaubt.“ Ein bisschen wird darin klar, dass der Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus als Erinnerung den Menschen dient, denen die Gräueltaten der Nationalsozialisten erspart geblieben sind und als Mahnmal dafür, dass sich so etwas nie wiederholt.

Juliane Rutsch

Weitere Informationen:

Am 27. Januar 1945 haben die Alliierten das Konzentrationslager Auschwitz befreit. 41 Jahre danach, am 27. Januar 1996, hat Bundespräsident Roman Herzog dieses Datum als Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus eingerichtet. Er soll auch daran erinnern, dass es bis heute überall auf der Welt Rassismus gibt.

In diesem Jahr trägt der 27. Januar den Schwerpunkt Sinti und Roma. Sie bilden aktuell die größte Minderheit in Europa und wurden im Dritten Reich wie Millionen Juden, Homosexuelle und Behinderte in Konzentrationslager deportiert und ermordet.
 

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