Sonntagsgedanken zum Martinstag

Evangelische Landeskirche Württemberg

In manchen Orten findet er heute Abend statt, in anderen war er schon in den letzten Tagen: der Martinsumzug. Kindergartenkinder und Grundschüler haben Papierlaternen gebastelt und ziehen nun hinter einem Reiter her. Auch wenn viele für solche Outdoor-Events mit Kindern eher auf gutes Wetter hoffen: Dieser Umzug fühlt sich eigentlich erst richtig an, wenn es recht kalt und zugig ist. Ich erinnere mich noch gut, wie warm ich meine Kinder einpacken musste und dass sie trotzdem noch kalte Hände bekommen haben beim Halten ihrer Laternen. Aber kalt und zugig muss es sein – erst dann hat die Geschichte, an die dieser Umzug erinnert, die richtige Kulisse. Irgendwann hält der Reiter auf seinem Pferd nämlich an, und die Kinder sehen fassungslos einen halbnackten Bettler in Lumpen, der zittert und friert und die Hände ringt. Und der Reiter auf seinem Pferd zieht sein Schwert, teilt seinen warmen Soldatenmantel und reicht die eine Hälfte dem frierenden Bettler. Jetzt braucht der arme nicht mehr zu frieren. Wenn der Umzug zu Ende ist, kann man sich die Hände an einem Feuer wärmen und mit den Kindern Stockbrot backen. Oder es gibt Martinswecken, die haben eine Kerbe in der Mitte und immer zwei müssen einen teilen, so wie der Soldat Martin seinen Mantel geteilt hat. So war das jedenfalls in dem Dorf in dem ich lange gewohnt habe.

Erzählt wird die Geschichte von Martin und dem Bettler seit dem 4. Jahrhundert. Geschehen ist sie am Stadttor von Amiens in Nordfrankreich. Dort ist der noch ganz junge Martin, Angehöriger der Besatzungsmacht, jenem armseligen Bettler begegnet. Und hat nicht gesagt: Schafft ihn weg, er verschandelt das Stadtbild und verdirbt mir die Stimmung. Und hat ihm nicht eine Münze zugeworfen, damit er verschwindet. Er hat auch nicht gesagt: Dafür gibt es Ämter und Behörden, Suppenküchen oder Tafelläden, sollen die sich drum kümmern.

So geht das heute ja in vielen Fällen. "Hau ab, du Penner!", sagen Leute, wenn sie angebettelt werden. Und städtische Verordnungen halten die Wohnungslosen aus der Innenstadt fern, damit sie im Stadtbild nicht stören.
Martin dagegen hat nicht den verwahrlosten Penner gesehen, den schmutzigen Obdachlosen, den Versager, der so heruntergekommen war. Er hat den Menschen gesehen, der gefroren hat. Er hat sich vielleicht gefragt: Wie ist er dahin gekommen und würde es mir gehen an seiner Stelle. Martin hat gesehen, dass der Mann Hilfe braucht. Und seinen Mantel mit ihm geteilt. Nicht mehr und nicht weniger. Und das hat die Leute so beeindruckt, dass sie noch nach Jahrhunderten erzählen und der Martinstag bis heute daran erinnert.

Die Martinsumzüge sind nicht nur schöne Folklore für dunkle Abende, finde ich. Sie vermitteln etwas ganz Wichtiges. Und es ist gut, wenn die Kinder das in der nasskalten November-Dunkelheit so anschaulich vor Augen geführt bekommen. Die Geschichte von Martin und dem Bettler zeigt ihnen zweierlei. Erstens: Teilen hilft. Martin hat nicht gesagt, da kann ich leider auch nichts machen. Er hatte einen Mantel, so groß, dass er offensichtlich für zwei gereicht hat. Den teilt er. Sonst wäre das ja nicht sinnvoll, was er getan hat. Sonst hätten sie hinterher beide gefroren, Martin und der Bettler. Heute haben wir andere Mäntel. Die kann man nicht teilen. Was würde ein halber Wintermantel irgendwem helfen? Trotzdem kann man sehen: Martin hat das richtige getan. Teilen hilft. Dem frierenden Bettler wird warm. Wahrscheinlich nicht nur warm an den Gliedern, sondern auch warm ums Herz. Endlich einer, der ihn nicht verachtet, sondern der begreift, was er braucht.

Und wenn ich heute meinen Wintermantel nicht sinnvoll teilen kann, dann vielleicht meine Zeit. Meine Kräfte. Meinen Lebensraum. Meinen Wohlstand. Vielleicht kann ich mir Zeit nehmen, um in der Wärmestube mitzuarbeiten. Oder die Zimmer unter dem Dach an Studierende vermieten. In manchen Städten gibt es in diesem Jahr Matratzenlager in den Wohnheimen, weil die Studenten keine Wohnungen finden. Oder ich kann meine Ersparnisse bei einer Bank anlegen, wo die Erträge den Armen zugute kommen. Teilen hilft. Heute genauso wie damals am Stadttor von Amiens. 

Das ist das eine, was mir die Geschichte von Martin zeigt. Und das andere: Martin hat in dem Bettler nicht bloß den den schmutzigen Obdachlosengesehen, der stört: sondern einen Menschen. Ein Bild Gottes. Auch dieses zitternde menschliche Wrack – ein Bild Gottes. Denn das glauben wir Christen und das hat sicher auch Martin geglaubt, dass Gott den Menschen zu seinem Bild geschaffen hat (1. Mose 1, 27). Nicht nur die Tüchtigen. Nicht nur die Starken, die Wohlhabenden, die Gesunden und die Leistungsfähigen. Auch die in Lumpen, auch die lärmenden Jugendlichen an der U-Bahnhaltestelle, die keinen Platz finden, wo sie zusammen sein können. Auch die Behinderten, deren Wohnheim keiner in der Nachbarschaft haben will, ,Auch die die anders aussehen, anders leben und anders glauben als ich. Von denen man manchmal denkt: Warum sind sie nicht da geblieben, wo sie hergekommen sind. Jeder einzelne ist ein Bild Gottes. Man sieht Gott, wenn man sie anschaut. Und wenn sie frieren oder hungern, innerlich oder äußerlich: Dann friert Gott.

Ich glaube, es ist wirklich gut, sich an diese Geschichte immer neu zu erinnern und sie den Kindern zu erzählen. Damit wir alle Gott sehen in den Menschen, die uns begegnen.

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