So nicht, Präsident Janukowitsch! – Der Fußball braucht Mut

Koch meint…

Fußball ist, klar doch, eine Nebensache. Für manche sogar die schönste Nebensache der Welt. Aber so klein, dass er sich einfach wegducken könnte, ist der Fußball nun auch wieder nicht. Weil er auch als Nebensache ganz schön mächtig ist. Und deshalb sollte sich der Fußball durchaus fragen, was er demnächst ausgerechnet in der Ukraine zu suchen hat. Beziehungsweise was in Sachen Ukraine seine moralische Verpflichtung wäre.

Zur Erinnerung: Neben Polen ist die Ukraine das zweite Gastgeberland für die Fußball-Europameisterschaft 2012. Aber die Ukraine ist auch noch etwas anderes, nämlich ein autokratisch regierter Staat mit dem zweifelhaften Präsidenten Viktor Janukowitsch an der Spitze. Dem Demokratie nichts bedeutet und der mit der Opposition im Land wenig zimperlich umgeht. Was derzeit seine Gegenspielerin Julia Timoschenko, selbst keine Heilige, zu spüren bekommt: Im Gefängnis im Hungerstreik befindlich wird ihr die dringend nötige medizinische Hilfe verwehrt.

Kann man mit einem solchen Staat gemeinsame Sache machen und im Juni ein fröhliches Fußballfest feiern? Eigentlich nicht, wenn man Joachim Gauck als Maßstab nimmt. Jedenfalls hat der deutsche Bundespräsident eine für Mai geplante Reise in die Ukraine wegen der Inhaftierung von Timoschenko abgesagt und damit eine breite Diskussion angestoßen. Die vom SPD-Parteivorsitzenden Sigmar Gabriel dahingehend befeuert wurde, dass Politiker der Fußball-Europameisterschaft in der Ukraine generell fernbleiben sollten.

So weit, so gut. Aber warum eigentlich hält sich der Fußball selbst bedeckt? Oder anders gefragt: Müsste nicht der Europäische Fußballverband sogar über eine Absage der EURO 2012 nachdenken? Schweigen im Walde von Nyon, dem Verbandssitz der UEFA in der Schweiz. Stattdessen wird von offizieller Seite lediglich die Sicherheitslage in der Ukraine erörtert. Was nach den Bombenanschlägen von Dnjepropetrowsk zwar verständlich, aber viel zu wenig ist.

Trotzdem ist dies ist kein Aufruf dazu, die Fußball-Europameisterschaft wegen der politischen Verhältnisse in der Ukraine ausfallen zu lassen. Im Gegenteil: Es gibt gute Gründe, das nicht zu tun, und beispielsweise die Tochter von Julia Timoschenko oder Uland Spahlinger, der evangelische Bischof der Ukraine, raten davon ab. Was aber auf jeden Fall zu erwarten wäre, ist neben dem Mut der Politik die Courage des Fußballs selbst. Der wie gesagt auch als Nebensache nicht so klein ist, dass er sich einfach wegducken könnte, und der mächtig genug ist, um ein offenes Wort zu riskieren. Oder hat man aus den eigenen Fehlern immer noch nicht gelernt, aus Fehlern wie der Kollaboration mit der argentinischen Militärjunta bei der Weltmeisterschaft 1978? Wobei Skepsis durchaus angebracht ist, wenn man ein paar Tage zurückblickt. Als Sebastian Vettel im politisch unruhigen Bahrain seine Formel 1-Runden gedreht und gesagt hat: „Kümmern wir uns nicht um Sachen, die uns nichts angehen!“

Doch, den Sport geht die Politik sehr wohl etwas an. Weil Politik mit Menschen zu tun hat und deren unveräußerlichen Rechten. Für die gerade der Sport – darin besteht seine moralische Verpflichtung – in besonderer Weise eintreten sollte. Und deshalb ist das Mindeste, was man vom offiziellen Fußball in diesen Tagen zu hören bekommen sollte, ganz einfach dies: „So nicht, Präsident Janukowitsch!“ Alles andere geht nicht, ist mutlos und feige und stellt die Verantwortlichen meilenweit ins Abseits.

Das meint Koch. Und was meinen Sie?


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